München – Eines steht für Michael Franke längst fest: „Die Krise wirkt wie ein Beschleuniger.“ Der Kaufmann verantwortet den kaufmännischen Bereich der Engadin-Apotheker im Münchner Stadtteil Fürstenried-West, die von Apotheker Christian Metz geleitet wird. Engpässe bei Medikamenten sind ein Dauerärgernis für die beiden. Aber: Durch Corona hat sich das Ganze zugespitzt. Spätestens im Herbst, wenn die Erkältungszeit beginnt, könnten Antibiotika knapp werden, befürchtet Franke. Eine Hiobsbotschaft für Patienten.
Der Grund: Viele Wirkstoffe werden in Fernost hergestellt. Etwa in China. Und ausgerechnet Wuhan war nicht nur ein Zentrum der Corona-Pandemie – sondern ist auch eines der Pharmaproduktion. Elf „versorgungsrelevante“ Wirkstoffe kommen von dort. Doch das Virus hat die Produktion rund zwei Monate lang lahmgelegt. Wenn im Handel die Vorräte zur Neige gehen, werde Nachschub fehlen, glaubt Franke.
Metz und Franke sind nicht die Einzigen, die sich solche Gedanken machen. Das zeigt eine aposcope-Umfrage im Auftrag des Wort-&-Bild-Verlags: 68 Prozent der befragten Apotheker geben an, Lieferengpässe seien derzeit ihre größte Sorge. Aktuell sind dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Lieferengpässe bei mehr als 400 von insgesamt rund 103 000 zugelassenen Arzneien bekannt. Darunter sind Mittel, die sich relativ leicht ersetzen lassen – aber auch solche, wo das deutlich schwerer ist: wie bei dem Antidepressivum „Venlafaxin“. Auch „Cotrim forte“, eine Kombi zweier Antibiotika bei Harnwegsinfekten, ist knapp. „Das zu bekommen, ist fast schon ein Wunder“, sagt Metz. Sogar Klassiker wie das Diabetesmittel „Metformin“ und das Schilddrüsenhormon „L-Thyroxin“ stehen auf der BfArM-Liste.
Metz und andere Apotheker fürchten, diese Liste werde in nächster Zeit deutlich länger werden. Das BfArM ist zuversichtlicher: „Derzeit liegen uns keine belastbaren Hinweise vor, die auf eine kurzfristige Einschränkung der Arzneimittelversorgung aufgrund von Produktionsausfällen in Regionen, die von der Ausbreitung des Coronavirus besonders betroffen sind, schließen lassen“, heißt es auf Nachfrage unserer Zeitung. Man habe aber „belastbare Informationen“, dass es „aktuell zu überdurchschnittlich hohen Verordnungen und Abgaben vermarkteter Arzneimittel“ komme. Im Klartext: Die Nachfrage ist gestiegen. Weil mehr gebraucht wurde oder Menschen gehamstert haben.
Auch Franke hat das Lager der Engadin-Apotheke früh in der Krise gefüllt – er konnte sich von Anfang an nicht vorstellen, dass ein derart langer Produktionsstopp in China folgenlos für Deutschland bleibe. Dass die Gesundheit Europas am Tropf Asiens hängt, sieht er kritisch – und das nicht erst seit Corona.
Welche Folgen das haben kann, zeigt das Beispiel Paracetamol: Als die Nachfrage nach dem Schmerz- und Fiebermittel in der Krise stieg, ging das Angebot zurück. Denn Indien, wo der Wirkstoff in großer Menge hergestellt wird, verbot den Export – um erst den Bedarf der eigenen Bevölkerung zu sichern. Dabei begann die Erfolgsgeschichte „Paracetamol“-haltiger Arzneien in München. Vor mehr als 60 Jahren hat der Gründer von bene-Arzneimittel den Wirkstoff nach Deutschland gebracht, um in München-Solln damit erstmals Tabletten und Zäpfchen herzustellen. Bis heute setzt der regionale Paracetamol-Pionier auf eine Produktion in Deutschland. Der Wirkstoff kommt allerdings aus der Ferne. Dieser werde schon seit mehr als zehn Jahren „nicht mehr in Europa hergestellt“, sagt Sandra Glück, Marketing- und Verkaufsleiterin bei bene-Arzneimittel. Dort importiert man Paracetamol aber von mehreren Kontinenten – in der Krise konnte man die Produktion daher ausbauen.
Dabei galt Deutschland einst als „Apotheke der Welt“. Doch getrieben vom Spardruck hat sich die Produktion immer mehr nach Asien verlagert. Das rächt sich jetzt. „Die gesamte Corona-Krise hat verschiedene Schwachpunkte und Risiken von Handelsbeziehungen offenbart“, heißt es beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) auf Anfrage unserer Zeitung. In Deutschland und Europa fehle es „an Kompensationsmöglichkeiten“. Das sieht man nicht nur in der Industrie so.
Schon vor Corona habe es eine Diskussion darüber gegeben, „ob die Auslagerung der Produktion wichtiger Grundgüter nicht Gefahren mit sich bringt“, warnte Ende März der Medizinethiker Prof. Eckhard Nagel, Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth. Diese Gefahren seien nun „sehr deutlich“ geworden. „Deshalb ist es dringend geboten, im Hinblick auf die Versorgung mit existenziellen Grundgütern wie in früheren Zeiten zu einer umfassenden Selbstversorgung zurückzukommen.“ Nagel fordert, die Produktion nach Europa zurückzuholen.
Helfen soll dabei das jüngst beschlossene Konjunkturpaket. Darin steckt nicht nur eine Milliarde Euro, um die „Nationale Reserve“ an Arzneien aufzustocken – auch das könnte Engpässen vorbeugen. Mit einer weiteren Milliarde Euro sollten auch Investitionen in die inländische Produktion von Arzneien, Impfstoffen und Schutzausrüstung gefördert werden. „Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung“, heißt es dazu beim Bundesverband der Arzneimittelhersteller. „Entscheidend ist allerdings, wie das Programm konkret ausgestaltet wird.“