Bahnkunden fordern mehr Corona-Kulanz

von Redaktion

VON CLAUDIA SCHURI

München – Eigentlich, sagt Alexander Karl aus Petershausen (Kreis Dachau), sei er quasi „von der Bahn infiziert“. Er besitzt eine Bahncard und als Modelleisenbahnbauer fahre er sowieso gerne mit dem Zug. Doch gerade ist er vor allem verärgert über die Deutsche Bahn: „Die Bahn ist derartig unflexibel“, beklagt er sich. „Ich hätte mir wegen Corona mehr Kulanz gewünscht.“ Im Januar hatte der 72-Jährige ein Super-Sparticket gebucht, weil er mit acht anderen Modelleisenbahnern eine Reise nach Leer in Ostfriesland plante. Rund 90 Euro zahlte er für die Hin- und Rückfahrt.

Wegen Corona würde die Gruppe die Reise gerne auf nächstes Jahr verschieben. Alle Mitfahrer sind über 70 und gehören damit zur Risikogruppe, außerdem kann das Programm nicht wie vorgesehen stattfinden. Die Modellbauer wollten zum Beispiel an einer Werftführung teilnehmen. „Die gibt es jetzt nicht“, sagt Karl.

Doch: Eine Stornierung des Tickets oder ein Tausch gegen einen Gutschein ist nicht möglich. Zunächst hatte die Deutsche Bahn angeboten, dass bis zum 13. März gekaufte Tickets für Reisetage bis zum 4. Mai kostenlos in einen Gutschein umgewandelt oder flexibel genutzt werden können. Für Reisen ab 5. Mai fällt diese Bestimmung aber weg.

Jetzt gibt es nur noch die Regel, dass gebuchte Fernverkehrstickets bis einschließlich 31. Oktober ohne Zugbindung verwendet werden können. „Die Regelung zum flexiblen Reisen gilt auch für Sparpreis- und Super-Sparpreis-Tickets“, sagt eine Bahnsprecherin. Ausgeschlossen sei der Nahverkehr. Flexipreis-Tickets könnten sowieso storniert werden.

Die Einschränkungen sind rechtens, erklärt Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn. „Rein rechtlich ist es in Ordnung, wenn Billigtickets nicht zurückerstattet werden“, sagt er. Aber: „Aus Kundensicht sollte man großzügiger sein. Die Kunden verzichten auf die Reise ja nicht aus Jux.“ Der Verband setzt sich deshalb ebenfalls dafür ein, dass weiter Gutscheine ausgegeben werden. „So wie es jetzt ist, glaube ich schon, dass man auch einige Kunden vergrault.“ Karl-Peter Naumann sieht deshalb das Verkehrsministerium in der Pflicht: „Der Fall kann nur von der Politik gelöst werden“, sagt er. „Sie müsste einspringen.“ Denn nur eine Verlängerung der Gültigkeit der Tickets bis Ende Oktober würde vielen Bahnfahrern nichts nutzen: „Viele bekommen zum Beispiel gar keinen Urlaub mehr“, erklärt er.

Unmut gibt es jedoch auch bei Fahrgästen, die im Öffentlichen Personennahverkehr unterwegs sind. So wie Laura Glanz und Leon Bauermeister. Die beiden wohnen in Trudering und studieren an der Hochschule München. Vor den Corona-Einschränkungen hatten sie jeweils ein Semesterticket für rund 195 Euro sowie dem verpflichtenden Solidarbeitrag von 67 Euro gekauft. Später stellte sich heraus, dass das Semester digital abläuft. „Wir müssen deshalb nicht zur Uni und fahren fast gar nicht mit der U-Bahn“, sagt Bauermeister. Die beiden fragten, ob eine Rückerstattung des Geldes möglich ist. Doch sie bekamen eine Absage. „Leider gab es kein Verständnis dafür“, berichtet Glanz. Tatsächlich ist eine Rückgabe von Semestertickets nicht möglich, wie Franziska Hartmann, MVV-Sprecherin, erklärt: „Das Verkehrsangebot wurde ja aufrecht erhalten“, sagt sie.

Auch Alexander Karl ist klar, dass er sein Geld wohl nicht zurückbekommt. Er hat sich inzwischen entschieden, die Reise nach Ostfriesland trotz Corona anzutreten. Der Bahn den Rücken kehren wird er vermutlich trotz seines Ärgers auch in Zukunft nicht. „Auch, wenn einem manchmal schon der Gedanke kommt.“

Artikel 5 von 11