„Highway to Hell“ und „Locomotive Breath“ spielt er nun nicht mehr bei öffentlichen Auftritten, seine Band „Feedback“ hat sich vor zweieinhalb Jahren aufgelöst. Doch Abt Notker Wolf, der am Sonntag 80 Jahre alt wird und sich viele Jahre auch als „rockender Benediktiner“ Gehör verschafft hat, ist keineswegs verstummt. Der in St. Ottilien im Landkreis Landsberg am Lech lebende Mönch hat nach wie vor Freude am munteren Diskurs, wie er im Interview mit unserer Zeitung beweist.
Abt Notker, fühlen Sie sich wie 80?
Ich weiß nicht, wie man sich mit 80 fühlt. Ich fühle mich noch recht gut.
Sind Sie gesund?
Und wie! (lacht)
Wie verbringt der „rockende Benediktiner“ seine Tage heute?
Brav, ganz brav im Lockdown, soweit er noch nicht gelockert ist. Ich bin in St. Ottilien, ich habe genügend zu tun. Erstens gibt es sehr viel Korrespondenz, per E-Mail oder Telefonate mit einsamen Leuten. Und dann habe ich gerade erst ein neues Manuskript bei einem Verlag abgeliefert.
Worum geht es?
„Es geht auch anders – wie Benediktiner mit Macht und Autorität umgehen“. Es erscheint am 18. September.
Ziemlich aktuelles Thema in der katholischen Kirche!
Das ist eine bleibende Frage in der Kirche. Vielleicht wäre es für die Zukunft ein bisschen besser, wenn man sich beraten würde. Ich finde deshalb den „Synodalen Weg“ notwendig. Bei unserem Ordensstifter Benedikt ist nicht der Abt das Kloster, sondern der Abt mit seinen Mitbrüdern. In allen wichtigen Fragen rufe der Abt sämtliche Brüder zusammen und berate sich mit ihnen, sagt Benedikt. Also: Keine Alleinentscheidungen! Und dann erklärt er weiter, dass alle zur Beratung berufen werden sollen, „schreibe ich, weil Gott oft den Jüngeren eingibt, was das Bessere ist“. Das könnte doch auch für die ganze Kirche gelten…
Aber wenn man schaut, wie holprig der „Synodale Weg“ verläuft zurzeit…
Es gibt immer noch Leute, die meinen, man braucht nicht miteinander zu reden. Und das finde ich ganz schlimm.
Nun ja, wenn die Positionen so weit auseinander liegen, sind Gespräche auch schwierig.
Es gibt nichts anderes als zu reden. Ich kann den anderen nicht verteufeln. Weder die eine Seite noch die andere. Sie müssen lernen, miteinander zu diskutieren und dem anderen zumindest auch den guten Willen zubilligen. Und dann muss man suchen: Wo finden wir uns zusammen? Das ist nicht einfach. Ich habe nun immerhin 39 Jahre Klöster geleitet. Ich weiß, was es heißt, einen großen „Haufen“ zusammenzuhalten.
Sollte dieser „Synodale Weg“ in die Sackgasse führen, was würde das für die katholische Kirche in Deutschland bedeuten?
Das müssen wir erst sehen, was dabei rauskommt. Ich bin kein Mann der Eventualitäten. Es hängt von der konkreten Situation dann ab. Jetzt schon irgendwelche Voraussagen zu machen, halte ich für verkehrt. Genauso wie die Aussage, wenn bestimmte Ziele nicht erreicht werden, hat es nicht getaugt. Das tut mir leid: Dann brauche ich nicht mit dem anderen reden. Das sind ja auch Dogmatiker, nur eine neuere Art.
Also wer sagt, am Ende muss die Priesterweihe der Frauen stehen oder der Zölibat fallen…
Ja, dann brauche ich nicht miteinander zu reden, wenn ich danach den Erfolg der Synode bemesse.
Kommen wir noch mal auf den Lockdown zu sprechen. Wie ergeht es Ihnen damit?
Ich bin ja hier im Kloster in einer großen Gemeinschaft. Das ist ein Riesenvorteil. Wir haben wie bisher unser Chorgebet gehalten, nur stehen wir im Chor etwas weiter auseinander. Im Speisesaal sitzen wir auf Abstand und hören der Tischlesung zu. Wenn wir wirklich reden, dann schreien wir uns halt an (lacht). Das Einzige, was dazugekommen ist und was ich mir bisher nicht geleistet habe, das ist pro Tag eine halbe Stunde Spaziergang. Dabei besuche ich immer unsere Kälbchen und singe ihnen den Gefangenenchor aus Nabucco vor.
In den Altenheimen waren viele Bewohner völlig isoliert über Monate. War das angemessen?
Wir müssen alle Abstriche machen, wenn eine große Gefahr droht. Das ist gar keine Frage. Aber wir müssen das dann auch ein bisschen besser erklären. Nur einfach zu sagen, sie dürfen nicht besucht werden wegen der Ansteckungsgefahr, so einfach geht es nicht. Das nehmen die Menschen nicht so ohne Weiteres hin oder sie leben bis zum Lebensende in Angst. Dann nimmt man ihnen die ganze Lebensqualität. Und da bin ich schon etwa kritisch.
Was kritisieren Sie genau?
Es ist einfach viel zu wenig Kommunikation da. Die Kanzlerin hat natürlich etwas gegen die „Öffnungsdebattenorgien“ – aber wir müssen reden, es hilft alles nichts. Wir sind keine kleinen Kinder. Wir dürfen nicht bevormundet werden, der Bürger muss ernstgenommen werden. Da muss man halt in Gottes Namen etwas besser erklären. Angela Merkel hat zu Recht anfangs sehr stark die Verantwortung betont. Und das wäre es auch! Dass es natürlich immer Kriminelle und Unvernünftige gibt, kann ich auch mit keinem Gesetz ausschalten. Sonst muss ich die Gesetze so engmaschig ziehen, dass am Schluss alle im einem Käfig sitzen. Ich bin immer noch ein Vertreter der Freiheit, aber auch der Verantwortung.
Haben sich die Bischöfe den Anordnungen zu schnell gebeugt?
Es blieb nichts anderes übrig. Wir wissen ja: Nach einem Gottesdienst der Baptisten in Frankfurt gab es viele Infektionen. Da muss man vernünftig sein. Gott hat uns zwei Hände zum Beten gegeben, aber auch ein Hirn zum Denken.
Sie werden nun 80, denken Sie auch an den Tod?
Ich spüre meine Endlichkeit schon. Ich mache mir viel häufiger Gedanken. Angst habe ich aber keine, denn es gibt ein Wort beim Heiligen Benedikt: An der Barmherzigkeit Gottes nie verzweifeln!
Wie werden Sie Ihren Geburtstag begehen?
Mit einem kleineren Kreis von Freunden. Ich werde den üblichen Sonntagsgottesdienst hier in der Kirche halten und dann werde ich ein Mittagessen haben mit einer kleineren Gruppe – und natürlich mit der nötigen Distanz.
Greifen Sie manchmal noch zur E-Gitarre?
Zum Üben manchmal. Aber unsere Band hat sich vor zweieinhalb Jahren aufgelöst. Wir wohnen zu weit auseinander. Das Schönste bei einer Band ist das Üben – nicht die Auftritte. Die menschliche Seite spielt die große Rolle. Das fehlt mit ein bisschen. Ich übe aber jeden Tag Querflöte, weil ich immer mal wieder was vorspielen muss. Aber dann klassische Stücke.
Das Interview führte Claudia Möllers