Der Unterwasser-Abenteurer vom Starnberger See

von Redaktion

VON ANNE-NIKOLIN HAGEMANN

Fridolin, acht Jahre, sabotiert das jüngste Forschungsprojekt seines Großvaters. Am heimischen Gartenteich in Pöcking am Starnberger See stellt Hans Fricke, 78 Jahre, gerade mit seinen beiden Goldfischen einen Versuch des Nobelpreisträgers Karl von Frisch nach, mit dem dieser bewies, dass Fische hören können. Dazu muss er die Fische in einem Ring anfüttern, um sie irgendwann mit einer Trillerpfeife zu rufen. Fridolin aber versucht, die Fische zu fangen, das macht sie scheu.

„Fridolin ist wie ich“, sagt Fricke und lacht. Auch ihn selbst treibt die Neugier, ein Leben lang. Sie sorgt dafür, dass Hans Fricke sich schon als Kind Tauchgeräte baut, mit Feuerlöschern als Druckflasche und einem Tischtennisball als Ventil. Und dass er schließlich zu einem der bedeutendsten Erforscher der Unterwasserwelt weltweit wird.

Hans Fricke ist vor den Komoren getaucht, im Roten Meer und vor Island. Er hat sich für seine Forschung ein Haus unter Wasser und zwei Tauchboote bauen lassen. Hat quasi nebenbei verborgene Schätze unter Wasser gehoben und ist zum Bergungsexperten für Flugzeuge und Boote geworden, die auf dem Grund deutscher Seen ihr Ende fanden. Fricke hat über 10 000 Stunden unter Wasser verbracht. Und es sollen noch mehr werden.

Sein Berufsweg war nach eigenen Angaben schon „pränatal“ klar, sagt er selbst, im Fruchtwasser also. „Ich bin einfach aquaphil.“ Ein bisschen beneidet man Fridolin um einen Großvater, der so enthusiastisch erzählen kann, dass es einen mitnimmt auf Abenteuer unter Wasser. „Ich gehe aber nicht raus, um Abenteuer zu erleben“, sagt Fricke, „meine Expeditionen sind Arbeit.“

Das Abenteuerliche ist Teil des Jobs, passiert nebenbei. Mehrere Male wäre Fricke beinahe ertrunken, das erste Mal als Jugendlicher, das letzte Mal vor ein paar Jahren, Lungenembolie. Das Wichtigste: nicht in Panik verfallen, wissen, was gerade im Körper passiert, richtig reagieren. Und dann weitermachen.

„Ich höre erst auf, die Tiere und die Natur zu beobachten, wenn ich tot umfalle“, sagt Fricke. Er springt auf und zeigt den Hund im Baum: Der Ahorn vor dem Fenster formt mit seinen Zweigen eine Hundesilhouette, einen Terrier im Sprung. Seit ein paar Jahren beobachtet Fricke, wie die Silhouette gleich bleibt und sich doch verändert, wie der Hagel ein Stück vom Ohr abschlägt, der Regen ein zusätzliches Blatt an der Schnauze wachsen lässt. Nein, er kann es nie lassen, das Beobachten.

Der Hund im Baum ist nicht das Einzige, was Hans Fricke aufspringen lässt. Seine Forschung hat er in unzähligen Texten, Fotos und Dokumentarfilmen dokumentiert, immer wieder zeigt er Artikel aus internationalen Fachmagazinen, aus GEO und National Geographic. Er erzählt mit der gleichen Begeisterung vom Toilettengang der Doktorfische, den er über 20 Jahre lang beobachtet hat, wie von den Schwefelbakterien im österreichischen Toplitzsee, bei deren Erforschung er zufällig von den Nazis gefälschtes Geld entdeckte. Und natürlich vom Quastenflosser, der als ausgestorben galt, bis Fricke und sein Team die ersten Aufnahmen von ihm in freier Wildbahn machten. Das bringt ihm internationalen Ruhm und Titelseiten, unter anderem die der New York Times.

„Ich bin ein verbohrter Dokumentarist“, sagt Fricke, während er in den dicken Sammelbänden blättert. Seine erste Veröffentlichung, zu einem Attrappenversuch mit Putzerfischen, tippt er mit 21 Jahren auf der Schreibmaschine eines Kommilitonen. Mit einem Finger und voller Rechtschreibfehler.

Die Liebe zum Wasser und dem Leben darin haben Hans Frickes Leben geprägt. Mit 18 flieht er aus der DDR, um im Westen Biologie zu studieren. Seine erste Reise, per Anhalter und ohne Geld, führt ihn ans Rote Meer, an dem er entlangradelt, um dort zu tauchen. Seine Frau lernt er im Hafen von Venedig kennen, sie begleitet ihn später auf seinen Tauchgängen. Auch die drei Kinder lernen tauchen, mit selbstgebauter Ausrüstung Marke Fricke. Während Hans Fricke 18 Tage in seinem Unterwasserhaus verbringt, lernt Tochter Anja laufen und tapst ihm entgegen, als er an Land kommt. Heute lebt er mit seiner Familie am Starnberger See, näher am Wald als am Wasser. Schwimmen kann er nicht ausstehen, ebenso wie Aquarien und den Geruch von Fisch. Getaucht ist er im Starnberger See aber natürlich schon.

Für Hans Fricke ebenfalls wichtig ist Konrad Lorenz, der berühmte Verhaltensforscher. An das erste Treffen erinnert er sich so: Er begleitet Lorenz zum Gänsefüttern, die Gänse landen auf Zuruf zu seinen Füßen. Plötzlich rennt der ältere Herr mit weißem, wehendem Haar und Bauchansatz los, flattert wie ein Vogel mit den Armen – und lässt sich ins novembernasse Gras fallen, während hinter ihm die Gänse in die Luft steigen. Fricke fragt ihn, warum. „Hätte ich sie nicht zum Fliegen animiert, wären sie hinter mir her Richtung Institut gelaufen und hätten die Wege vollgeschissen.“ Fricke und Lorenz arbeiten über Jahre hinweg eng zusammen, kurz vor seinem Tod bietet Lorenz ihm das Du an, per Brief.

Lorenz’ ganzheitlicher Blick auf die Natur habe ihn geprägt, sagt Fricke. Das, und eine der ersten NASA-Aufnahmen der Erde, die er als junger Mann sieht. Es zeigt die Erdatmosphäre als dünne blaue Schicht. Da habe er „so einen heiligen Schauer gespürt“, sagt Fricke heute, „das bisschen Band hält uns am Leben.“

Ein Journalist hat mal gefragt: Sind Sie ein Umweltaktivist? Nein, hat Fricke geantwortet, auch wenn er voller Bewunderung ist für Greta Thunberg. Auch dazu fällt ihm eine Geschichte ein, ein weiteres Abenteuer: Er beobachtet Röhrenaale morgens um fünf vor der israelischen Küste. Plötzlich wird alles schwarz. Eine Öllache treibt an der Wasseroberfläche, ein schreckliches, aber faszinierendes Bild.

Fricke nimmt eine Probe der braunen Substanz, gibt diese auf eine Koralle. Diese schmeißt sofort ihre Larven ab, eine chemische Abtreibung. All das hält Frickes Kamera fest. „Die Leute müssen wissen, dass so etwas passiert“, sagt er. Sein Anspruch ist nicht, die Welt zu retten. Sondern zu dokumentieren, was die Menschen ihr antun.

Hans Fricke hat seine Dokumentationen und zufälligen Abenteuer in einem neuen Buch aufgeschrieben, „Unterwegs im blauen Universum“ heißt es. Einmal war Fricke mit dem Tauchboot in der Sargassosee auf der Suche nach Aalen, 6000 Meter tief. „Wenn Sie in so einer kleinen Kapsel sitzen und nichts weiter sehen als Blau, dann ist das das Universum“, sagt er.

Eigentlich wollte Hans Fricke schon längst wieder unterwegs sein, im Roten Meer die Empathie von Anemonenfischen beweisen. Corona kam dazwischen. Also hat er an seinem nächsten Buch geschrieben, Arbeitstitel: „Strandgut“. Es handelt von Erlebnissen an Land, die das Leben so zufällig anspült wie das Meer Mitbringsel an den Strand.

Ein Kapitel widmet sich dem, was aus der Welt wohl wird, wenn der Mensch nicht mehr da ist. Natur und Tiere werden übernehmen, glaubt Fricke, das blaue Band um die Welt wird bleiben. „Das Leben ohne uns geht grün und blau weiter.“ Ein tröstlicher Gedanke, findet er.

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