Ein Mord im Wirtshaus

von Redaktion

Wie der Großbauer Hohenester beinahe im Gefängnis endete

Dass Versteigerungen von Getreide, Ackerfrüchten oder Vieh noch im 19. Jahrhundert blutig endeten, war nichts Ungewöhnliches. Aber das einer dabei sein Leben lassen musste, kam selten vor. In der Röhrmooser Gaststätte Zum Wirth im damaligen Bezirk Dachau war am 2. Juli 1866 eine entsprechende Verkaufsaktion angesetzt: Futtergetreide, Mahlgetreide, Ackerfrüchte – solche Sachen. Die Auktion zog sich über Stunden hin – bis tief in die Nacht. Und natürlich löschten die erhitzten Gemüter ihren Durst mit einer ordentlichen Menge Bier.

Dann eskalierte es, und dabei spielte ein im Dachauer Land damals weithin bekannter Großbauer eine Rolle: Benedikt Hohenester (1827-1893). Er hatte sich durch Erwerb des Kurbads Mariabrunn, das er zusammen mit seiner nicht minder berüchtigten Gattin Amalie (genannt die Doktorbäuerin) betrieb, zum Badbesitzer aufgeschwungen. Hohenester war auch Land- und Forstwirt, dazu ein gewiefter Grund- und Bodenspekulant, der alles aufkaufte, was man ihm anbot: Besitzungen in Röhrmoos, Schönbrunn, Zieglberg, Ampermoching, Ottershausen, Haimhausen und weitere zeugen von seinem schier unstillbaren Kaufzwang. Als Großbauer durfte man sich damals bezeichnen, wenn das Anwesen mindestens ein ganzer Hof, das heißt über 100 Tagwerk, groß war – ein Tagwerk war 3400 Quadratmeter. Und Hohenester war unbestreitbar so ein Großbauer. Halbhöfler oder Besitzer einer Sölde hatten fast keine Chance, bei großen Versteigerungen mitzubieten. Auf solche Leute blickte auch der Hohenester eher herab.

Man weiß nicht, warum, aber vor der Heimfahrt von der besagten Auktion kam es zur Schlägerei. Die örtlichen Bauern bedachten Hohenester wahrscheinlich mit deftigen Schimpfwörtern. Vor allem zogen sie seine Ehefrau Amalie in den Schmutz und ließen sich lautstark über deren „Lotterleben“ aus, worauf Benedikt Hohenester, wie das Gericht später feststellte, .ungeachtet der vorherrschenden Übermacht auf sie losging. Er musste freilich, erheblich am Arm verletzt, bald flüchten. Einer seiner Dienstbuben hatte mittlerweile aber seine Leute in Mariabrunn alarmiert. Ein kleiner Trupp, angeführt von seinem Bruder Korbinian, versuchte dem Verletzten zu helfen. Es entstand eine wüste Rauferei, zu dem nicht nur steinerne Masskrüge verwendet wurden. Auch ein Messer kam zum Einsatz, mit dem dann der Bauer Sebastian Nottensteiner, genannt der Jackerbauer von Schillhofen, durch einen Lungenstich getötet wurde. Der Täter war nicht auf Anhieb zu ermitteln, Hohenester kam in Untersuchungshaft.

Über den Schwurgerichtsprozess, der ab 3. Februar 1867 in München stattfand, berichtete die Presse ausführlich. Beispielsweise schrieb der Volksbote:

„Der ganze Raufhandel verlief binnen weniger Minuten, und da gleich bei Beginn der Thätlichkeiten die Camphinlampe herabgeschlagen wurde, können somit die näheren Vorgänge von keinem Zeugen mit Sicherheit bekundet werden. Wer dem Jackerbauern Nottensteiner die tödliche Verletzung zufügte, das ist nun die Frage…“

Der Gerichtsreporter vom Bayerischen Landboten notierte, dass mehr als 20 Zeugen zur Verhandlung geladen waren. Zur Ermittlung des Täters trugen sie wenig bei. Auch der zur kritischen Stunde anwesende Lorenz Roth, Wagner in Ampermoching, sagte vor Gericht aus, dass Hohenester nicht mit einem Messer hantierte, konnte aber den tatsächlichen Täter im Kampfgetümmel auch nicht erkennen. Im Bayerischen Kurier war die bemerkenswerte Aussage des örtlichen Benefiziaten notiert, in der er den Badbesitzer als ruhigsten Mann der Pfarrei bezeichnete, wenn die Leute ihn in Ruhe ließen. Und weiter: Die Bauern da draußen könnten aber niemanden in Ruhe lassen.

Hohenester leugnete nie die Teilnahme an diesen dramatisch verlaufenen Raufhandel. Doch ein Messer trug er nachweislich nicht bei sich. So erging Freispruch nach sieben Stunden Prozess. Der Mörder des Jackerbauern wurde nie ermittelt.

GEORG GEBHARD

BUCHHINWEIS

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