München – Ein brandneues Hightech-Unternehmen im Osten der bayerischen Landeshauptstadt, gestartet mit 65 Mitarbeitern, 100 weitere sollen folgen: Gute Nachrichten, die in der Corona-Krise doppelt wertvoll sind. Eigentlich wollte Ministerpräsident Markus Söder gestern selbst die Büros von „Snke OS“ besuchen, dem jüngsten Spross der Münchner Brainlab AG.
Doch daraus wurde nichts. Digitalministerin Judith Gerlach musste einspringen –und tat es gern, weil man hier schon beim Reinkommen „die Zukunft atmet“, wie sie sagte. Gerlach ist zum zweiten Mal bei „Brainlab“ in den „Bavaria Towers“ zu Gast. Das Unternehmen treibt seit mehr als 30 Jahren die Digitalisierung der Neurochirurgie voran. Seine Systeme helfen, Operationen an Gehirn und Wirbelsäule präziser und somit sicherer zu machen. Rund 500 Millionen Euro hat man schon in diese Technologie investiert.
Die Basis dieser Technologie soll jetzt der Kern von „Snke OS“ werden, jüngst als Tochterunternehmen von Brainlab gegründet. Der Ableger soll die Digitalplattform von Brainlab auch für andere Unternehmen nutzbar machen – vom Großkonzern bis zum kleinen Start-up – das so eine Technik selbst nicht aufbauen könnte. Dank offener Schnittstellen können Unternehmen mit dieser Plattform ihre eigenen Anwendungen, etwa im Bereich Robotik oder Bildgebung, zu einem Gesamtsystem ausbauen. „Operationen sind immer noch sehr analoge Prozesse“, sagte Stefan Vilsmeier, Vorstandsvorsitzender der Brainlab AG. Er ist überzeugt, dass auch andere chirurgische Bereiche von einer stärkeren Digitalisierung profitieren könnten – und damit die Patienten. Operationen könnten schneller, sicherer und effizienter werden.
„Snke Os“ bietet dazu ein universelles Patientenmodell. Dieses lässt zum Beispiel mit computer- und magnetresonanztomografischen Aufnahmen individualisieren. So entsteht am Rechner ein digitaler Zwilling des Patienten. Der lässt sich nicht nur für die Planung des Eingriffs nutzen, sondern auch für die Navigation. Wie das in der Praxis funktionieren könnte, darf die Ministerin selbst ausprobieren. Mit einer „VR-Brille“ ausgestattet und einer OP-Sonde in der Hand bewegt sie diese durch ein Wirbelsäulenmodell. Die Brille verleiht ihr eine Art Röntgenblick: Statt des Modells hat sie das Innere der Wirbelsäule vor Augen –und sieht genau, wo und wie sie das OP-Instrument bewegt. Diese digitale und dynamische Parallelwelt zu erschaffen, gelingt auch mit künstlicher Intelligenz.
Um solche Techniken zu entwickeln, braucht es kluge Köpfe, die man auch an den Münchner Universitäten finden will – mit ein Grund für die Wahl des Standortes. Hier habe man das „beste Ökosystem“ vorgefunden, sagte Vilsmeier. ANDREA EPPNER