München/Brüssel – Aus dem täglichen Leben ist das Blei schon nahezu vollständig verschwunden: Buntstifte, Benzin, Wasserleitungen – alles soll bleifrei sein. Selbst das Bleigießen an Silvester ist mittlerweile tabu, denn Blei ist giftig und kann beim Menschen das Nervensystem schädigen. Bei der Jagd allerdings kommt das Schwermetall weiterhin regelmäßig zum Einsatz: Viele Jäger schwören auf bleihaltige Geschosse. Weil sie, so das Argument, den Tieren ein schnelles, gnädiges Ende bereiten. Für Naturschützer ist die Bleimunition dagegen ein Übel, das längst verboten sein müsste.
Diesem Streit will die EU-Kommission nun ein Ende setzen. Zumindest teilweise. Das Ziel: Die Jagd in den ökologisch besonders sensiblen Feuchtgebieten soll künftig bleifrei ablaufen – um Enten, Gänse und Wasservögel besser zu schützen. Denn Vögel krepieren immer wieder an Bleivergiftungen, wenn sie die Geschosssplitter vertilgen. Gut eine Million Wasservögel stirbt jährlich an der Bleilast in Feuchtgebieten, heißt es bei der Europäischen Chemikalienagentur Echa. Doch die Bundesregierung und das zuständige Ressort von Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) kann sich nicht zu einem Verbot durchringen. Bei der Vorabstimmung auf europäischer Ebene am Dienstag hat sich Deutschland enthalten.
In Bayern ist die Jagd mit bleihaltiger Munition auf Wasservögel bereits verboten. Zudem starten die Staatsforsten ein Pilotprojekt, bei dem Jäger in ausgewählten Revieren auf Bleimunition verzichten sollen, um Bartgeier sowie Stein- und Seeadler zu schützen. Wie sich ein zusätzliches Verbot in Feuchtgebieten auswirken würde, ist noch unklar, sagt Thomas Schreder von Bayerischen Jagdverband. „Da stellt sich dann die Frage: Zählt etwa das ganze Murnauer Moos dazu? Dann ist das schon einschneidend.“ Schreder betont: „Wir wissen um die negative Auswirkung von bleihaltiger Munition und sind uns unserer Verantwortung für den Naturschutz bewusst. Aber wir brauchen das Handwerkszeug, um sauber jagen zu können.“ Nur wenn gewährleistet sei, dass die alternative Munition auch dieselbe Tötungswirkung habe wie die Bleigeschosse, sei eine Umstellung tiergerecht. „Außerdem muss sicher sein, dass auch die Ersatzstoffe keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt haben.“ Alternative Munition etwa aus Kupfer sei auch nicht unschädlich. Ein schnelles Verbot ohne Alternativen sei deswegen nicht zielführend. Das Bundesagrarministerium argumentiert ähnlich und erklärt, dass der aktuelle Entwurf der Kommission „noch nicht allen Belangen vollumfänglich Rechnung“ trage.
Im SPD-geführten Bundesumweltministerium ist man anderer Meinung: Staatssekretär Jochen Flasbarth sagt: „Das Tierwohl-Argument zieht überhaupt nicht. Selbstverständlich kann mit anderer Munition und nötigenfalls auch mit anderem Kaliber eine sichere Tötung erreicht werden.“ Und auch bei Naturschützern sorgt die zögerliche Haltung für Kopfschütteln. „Viele Jäger sagen mir: Es gibt gute Alternativen“, sagt Norbert Schäffer vom Landesbund für Vogelschutz. „Beim Sprit hieß es auch, ohne Blei geht nicht. Und heute? Redet kein Mensch mehr darüber.“ Sein Wunsch: ein komplettes Verbot von bleihaltiger Munition. Die Bundesregierung müsse ihre Haltung noch einmal überdenken.
Doch auch ohne deutsche Zustimmung könnte das Teilverbot kommen: Denn nach der Vorabstimmung sah es so aus, als käme eine Mehrheit für den EU-Vorstoß zustande. In knapp drei Wochen soll die schriftliche Abstimmung folgen.