Im Bann der Ruinen

von Redaktion

VON CHRISTOPHER BESCHNITT

Eichstätt – Die aktuelle Social-Media-Begeisterung für verlassene Orte, also Ruinen oder aufgegebene Fabriken, hat viele Gründe, sagt Kunsthistoriker Bruno Grimm. „Bei vielen Leuten dürfte zunächst eine Zeitreise im Kopf losgehen“, sagte der 41-jährige Forscher der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. „Gerade der nur als Ruine erhaltene Bau regt die menschliche Fantasie dazu an, sich den Originalzustand möglichst prächtig auszumalen. Dazu kommt sicher das Staunen, wie Menschen so etwas früher ohne schwere Maschinen gebaut haben.“

Auch ein Exklusivitätsgedanke dürfte eine Rolle spielen, wie Grimm hinzufügt. „Nach dem Motto: Ich stehe gerade in einer einmaligen, vielleicht versteckten Stätte, die es womöglich gar nicht mehr lange gibt, die also nur wenige Menschen je sehen werden.“

Laut Grimm ist die Begeisterung für verlassene Orte und Ruinen keine Erfindung des Instagram-Zeitalters – auch wenn die sozialen Netzwerke voll sind mit Bildern und Berichten von solchen Stätten. „Gerade zum Aufkommen der Romantik um 1800 war das Thema in höheren Gesellschaftskreisen und in der Kunst sehr lebendig“, berichtet er. „Dieses Interesse am Überkommenen mit Fokus auf die römische Antike war seinerzeit in Europa en vogue, besonders nach der Veröffentlichung von ,Verfall und Untergang des Römischen Reiches‘, dem Hauptwerk des englischen Historikers Edward Gibbon.“ Für junge Adelige aus England oder Frankreich sei es damals ein Muss gewesen, Italien bei einer „Grand Tour“ auf den Spuren der Antike zu bereisen. „Neben dem bekannten Interesse des Klassizismus an der Antike ließ sie sich auch als Spiegel des eigenen englischen oder französischen Empire lesen: Wenn das große Römische Reich untergehen konnte, wie sieht es dann mit unserem eigenen aus?“ Später sei die Antiken-Faszination wohl auch Ausdruck einer Gegenbewegung zu Aufklärung und Klassizismus, eben der Romantik, gewesen, betont Grimm. Streng geformte barocke Gartenanlagen seien dann etwa Gärten mit inszeniertem Wildwuchs und eigens errichteten Mauer- und Torbogenresten gewichen.

Heute sei es bei Restaurierungen alter Gebäude längst üblich, offen mit der Geschichte umzugehen – etwa, indem man im Innenraum Teile historischer Mauern aufdeckt.

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