Mutig in der Corona-Krise

von Redaktion

VON KLAUS MERGEL UND MAX WOCHINGER

„Ohnverpackt“ in Wolfratshausen: Die Müllvermeider von der Loisach

Wer so ein Geschäft betreibt, muss auch Überzeugungstäter sein. Regionale Lebensmittel – bio und lose verkauft. „Wir haben uns jahrelang geärgert, dass nach dem Einkaufen ein Müllberg zurückblieb“, sagt Martina Steuer, 53. Die Devise: lieber selber machen!

Als 2019 bei der Personalerin eine berufliche Veränderung ansteht, ist ihr und Ehemann Bernd, 63, klar: Wir machen einen Unverpacktladen in Wolfratshausen. Im Dezember 2019 unterschreiben sie den Mietvertrag für 260 Quadratmeter Geschäftsfläche. Und am Freitag, den 13. März 2020, eröffnen sie „Ohnverpackt“. Pech oder Glück? „Der Eröffnungstag war gigantisch“, sagt Steuer. Der schon. Eine Woche später kommt der Lockdown.

Als Lebensmittelhandel ist ihr Geschäft zwar systemrelevant. Doch den Cafébereich müssen sie sofort wieder schließen. Zudem stellt der Infektionsschutz gerade bei unverpackten Lebensmitteln einiges an Mehraufwand dar. Ein schwieriger Start. Auch, weil für Bernd Steuer, der als freier Editor Filmmaterial von Ligaspielen für Sender schneidet, die Einnahmen wegbrechen: „Kein Fußball, keine Aufträge.“ Aber ab einem gewissen Punkt, erinnert sich seine Ehefrau, „kann man nicht mehr zurück“.

Soforthilfe hatten die Steuers beantragt – wegen einem Missverständnis der Behörde wird sie abgelehnt. „Dann haben wir es gelassen. Wir wollten es so schaffen.“ Und nun?

„Der Kundenstamm wird immer größer “, sagt Martina Steuer. Und lacht. Freilich, man müsse vielen Leuten Rede und Antwort stehen, ob und wie das überhaupt gehe, ohne Verpackung einzukaufen. Aber täglich gewinnt der Laden an Leben. Das Café hat wieder offen, viele Kunden genießen Kaffee und Kuchen nach dem Einkauf.

Gewinn machen die Steuers noch nicht. „Aber wir schreiben eine schwarze Null“, sagt Bernd Steuer. Und sie können Aufklärungsarbeit machen. Für das, was ihnen wichtig ist: Müllvermeidung. Am kommenden Montag sind zwei Kindergartengruppen zu Besuch, die schauen, wie so ein Laden funktioniert. Auf diesen Besuch freut sich Martina Steuer sehr: „Ich hoffe, bei den Jüngsten bei dem Thema etwas zu erreichen.“

Indoor-Spielplatz in Peißenberg: Zwei Väter halten durch

Zwei Jahre harte Arbeit liegen hinter ihnen. Sie haben viel Geld investiert. War alles umsonst? Da schüttelt Haschmat Moradi, 44, entschieden den Kopf. Er sagt: „Natürlich war es deprimierend, nicht eröffnen zu dürfen. Aber wir haben nie aufgegeben.“ Moradi und sein Geschäftspartner Andreas Pospiech, 50, glaubten trotz Corona-Beschränkungen fest an ihre Idee: Ein Indoor-Spielplatz soll es sein, der an Regentagen Kindern Spaß und Bewegung bringt. Als Väter wissen die beiden: Wichtig ist, dass man auch Erwachsenen sportliche Betätigung und gute Verpflegung bietet – zu bezahlbaren Preisen.

Endlich: Vor einer Woche eröffneten sie die „Marcello Fun Arena“ in Peißenberg im Landkreis Weilheim-Schongau. Mit Trampolin-Hüpfburg, E-Kartbahn, Kletterbereich und vielem mehr. Noch ist der Betrieb nicht einfach: „Wir achten auf die Abstände, dürfen nur immer eine bestimmte Anzahl Kinder zulassen. Bei jedem Wechsel der Gruppen wird desinfiziert“, sagt Pospiech.

2018 hatten sie mit der ehemaligen Halle von „Daller Tracht“ eine geeignete Räumlichkeit gefunden. „Die Halle stand sieben Jahre leer, wir mussten viel renovieren“, sagt Moradi. Und natürlich Geräte kaufen und montieren. Doch der Eröffnungstermin im Frühjahr platzt, Corona-bedingt. Eine psychisch schwere Belastung, wie Moradi erzählt: Ein Großprojekt will refinanziert sein.

Und heute? 60 Besucher auf rund 2000 Quadratmetern mit einem Dutzend Mitarbeitern – man muss kein Kaufmann sein, um zu erkennen, dass das noch nicht rentabel ist. „Aber wir sind motiviert und denken positiv“, sagt Moradi. Und er nennt die positiven Dinge. Allem voran die Freude der Kinder an der Spielarena, die sie erleben dürfen. Und den Umgang mit den Behörden: „Die Gemeinde Peißenberg und das Landratsamt Weilheim-Schongau haben uns sehr unterstützt. Für uns steht außer Frage: Die Beschränkungen waren notwendig. Wir können uns freuen, dass unser Staat auf seine Bürger achtet und die Gesellschaft zusammenhält.“

Vegane Feinkost in München: Wo das Krümelmonster gerne futtert

Veganer Käse, delikate Feinkost zum Mitnehmen, dazu ein Mittagstisch und Kaffee und Kuchen: Das Café-Konzept von Marlen Ventker und ihrem Freund Daniel Tesic, 33, passt perfekt zum jungen München. Der Name „Om Nom Nom“ ist eine humorige Hommage an das Krümelmonster und seine Futtergeräusche. Als Ventker und Tesic am 15. Februar den Mietvertrag für das Lokal in der Oberländerstraße im Stadtviertel Sendling in der Hand halten, scheint der Traum perfekt. „Wir haben uns unglaublich gefreut, den Laden zu kriegen, da gab es viele Bewerber“, sagt die 24-Jährige.

Doch mit dem Lockdown mutiert der Traum zum Albtraum. Der Gewerbeschein liegt zuerst noch im Kreisverwaltungsreferat. So können sie nicht im Baumarkt einkaufen – also auch nicht renovieren. Auch das Geschäftskonto, sonst eine Formalie, liegt noch auf Eis. „Wir mussten erst mal alles privat bezahlen. Dabei hatten wir all unser Geld in den Laden gesteckt. Wir wussten nicht, wie es weitergeht. Da habe ich oft geweint“, sagt Marlen Ventker. Und nicht zuletzt: Als Gastronomiebetrieb steht eine Eröffnung in den Sternen.

Doch die beiden lernen auch eine andere Seite der Krise, die menschliche, kennen: Der freundliche Vermieter erklärt sich bereit, die Hälfte der Miete zu stunden. Viele Münchner kaufen über die Seite Paynoweatlater.de ihre Gutscheine. „Leute, die uns überhaupt nicht kennen, haben uns da unterstützt“, freut sich Tesic, „das war umwerfend. So konnten wir unseren ersten Wareneinkauf finanzieren.“

Seit 9. Juni ist das „Om Nom Nom“ offen – und brummt. „Wir waren am ersten Tag ausverkauft“, sagt Ventker. Und: Die Solidarität der Menschen verbindet dauerhaft. Das Paar lernt nun nach und nach die Leute kennen, die ihre Gutscheine anonym im Netz gekauft haben. Täglich komme es zu netten Begegnungen. „Wir wissen nicht, wie es ohne Corona gekommen wäre“, sagt Ventker, „aber am Ende hat alles gepasst.“

Bier aus Oberpframmern: Johann Reinwald erfüllt sich einen Traum

Die ein oder andere kleine bayerische Brauerei musste wegen Corona aufgeben. Die Kneipen waren zu, das Bier floss nicht mehr. Ende, Aus. Johann Reinwald aus Oberpframmern im Kreis Ebersberg lässt sich davon nicht abschrecken. Mitten in der Corona-Krise gründet er eine Brauerei. Das „Saliter Bräu“. In seinem Brauhaus direkt in der Ortsmitte brodelt die Würze schon: für naturtrübes Bier – Helles, bernsteinfarbenes Weißbier und Festbier. Dunkles und ein helles Weißbier sollen folgen. Anfang Juli will Reinwald Eröffnung feiern.

Johann Reinwald, 61, stammt aus einer alteingesessenen Pframmerner Familie. Schon seit 25 Jahren gärte der Traum vom eigenen Bier in ihm. Die Entscheidung, den Schritt zu wagen, sei schon vor der Pandemie gefallen, erzählt er. „Ich habe mich von Corona nicht abhalten lassen.“ Ein bisschen mulmig, ob das alles klappt, war ihm aber schon. „Viele Brauereien konnten während des Lockdowns nicht ihr ganzes Bier verkaufen“, sagt er. Aber die Corona-Krise werde nicht ewig dauern. Außerdem sei in Zeiten, wo große Menschenansammlungen verpönt sind, klein und regional eine gute Alternative. So wie seine Brauerei und Gaststätte. Vier Biermarken wird es dann im Landkreis geben. Für Oberpframmern ist es die erste eigene Brauerei.

Den ersten Sud hat der 61-Jährige schon in Fässer abgefüllt. 2400 Liter. In zwei, drei Wochen soll es losgehen: Dann können Bierliebhaber sein Bräu kaufen. „Das Bier gibt es exklusiv in Oberpframmern“, betont Reinwald. Auf Facebook und Instagram konnte man die ganze Entstehungsgeschichte mitverfolgen: von der Anlieferung der Lagertanks bis zum Einrichten der Thekenbeleuchtung im Bierstüberl.

Reinwalds Leidenschaft fürs Bier sitzt tief. Er hat Braukurse besucht, Wochenseminare und die Doemens-Akademie in Gräfelfing – eine Privatschule, an der man eine Art Brauer-Kurzausbildung machen kann. Schließlich kauft er sich ein 20-Liter-Heimbrauset. 2016 zieht er in eine alte Dorfmolkerei direkt gegenüber seines Hofs. Die Molkerei ist gefliest, unterkellert, hat ein Abwassersystem – einfach perfekt.

Im Mai 2019 macht Reinwald mit seinem Traum ernst. Die alte Molkerei wird renoviert und umgebaut. Das Brauwasser bezieht Reinwald direkt aus Oberpframmern. Eine Braumeisterin nimmt ihn anfangs noch bei der Hand, denn ein gutes Bier will gelernt sein. Der Name der Brauerei stammt übrigens von Reinwalds Hof: Der heißt Saliter. Reinwalds Vorfahren hatten im bayerischen Königreich die Erlaubnis, Salpeter von Mauerwerk zu gewinnen. Der wurde zu Schwarzpulver verarbeitet.

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