Desinfektion: Die Bahn mischt mit

von Redaktion

VON KATRIN HILDEBRAND

München – Ausreichend sprühen, auf trockener Haut gut verteilen und 30 Sekunden einwirken lassen. Die Grundregeln im Umgang mit Desinfektionsmittel kennt mittlerweile jeder. Die Bahn ist sogar noch strenger. Auf ihren konzerneigenen Produkten empfiehlt sie: „Zur Verwendung die Hände zweimal mit jeweils etwa 3 ml der Lösung einreiben und jeweils 30 Sekunden feucht halten.“

Dass die Bahn selbst ein keimtötendes Mittel anbietet, ist neu. Als sich Covid-19 auch in Deutschland verbreitete, dachte das Unternehmen um. „Überall war man in Aufruhr und fragte sich, wo bekommen wir Desinfektionsmittel her?“, sagt Michael-Ernst Schmidt, Pressesprecher der Deutsche Bahn AG für Bayern. „Bei uns kam die Idee auf, die betriebseigenen Chemielabore zu nutzen.“

Eines davon befindet sich in Freimann bei der DB-Systemtechnik. Sein Leiter ist Thomas Köhler, studierter Maschinenbauingenieur. Normalerweise testet und entwickelt seine Abteilung spezielle Schmierstoffe für den Bahneinsatz, Fette und Öle, etwa Hydraulik-, Getriebe- und Isoliereröle, aber auch Radsatzlager-, Pufferteller- und Kupplungsfette. „Es gibt eine ganze Reihe von Anwendungen in der Eisenbahn, wo man einen speziell entwickelten Schmierstoff benötigt, der sonst in der Industrie nicht vorkommt, etwa für die Weichenschmierung oder Spurbandschmierung.“

Zusätzlich produzieren sie ein Mittel zur Händedesinfektion. Dafür standen die wichtigsten Zutaten schon bereit, als Corona für viele einfach nur das lateinische Wort für Krone war. „Die Lösungsmittel, mit denen wir hier umgehen, also Ethanol und Isopropanol, sind die Grundstoffe für die Rezepturen der Weltgesundheitsorganisation“, erklärt Köhler.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlichte die Anleitung für ein begrenzt viruzides Substrat zum Händeeinreiben erstmals Anfang März. Wenige Wochen später begannen Köhler und seine Mitarbeiter, Chemieingenieure und -laboranten, Maschinenbauer, Techniker und Mechatroniker, für den Eigenbedarf der DB-Systemtechnik Biozide herzustellen. „Mitte April haben wir dann begonnen, den Konzern zu versorgen.“

Den Konzern, das bedeutet: nicht nur die Mitarbeiter hinter den Kulissen, sondern auch alle öffentlich zugänglichen Bereiche der Deutschen Bahn – die DB-Informationen an den Bahnhöfen ebenso wie die Toiletten der Züge, vor allem aber die Reisezentren. „Dort werden Fahrkarten und Geld in die Hand genommen“, erläutert Michael-Ernst Schmidt. „Da ist man im starken Kundenkontakt. Daher werden die Kunden gebeten, erst mal Hände zu desinfizieren und dann eine Nummer zu ziehen.“

Dafür hat das Team um Thomas Köhler Literflaschen besorgt, die direkt vor Ort in die Spender eingeklinkt werden können. Für Zugbegleiter und anderes Personal gibt es kleinere Gebinde.

Die Flaschen zu besorgen, alle aus hochdichtem Polyethylen, war nicht einfach. „Wir haben 150 Hersteller angefragt, Angebote kamen nur von 20. Bestellt haben wir schließlich bei fünf.“ Insgesamt 50 000 Gebinde lagerten zu Hochzeiten in Freimann im Untergeschoss der DB-Systemtechnik, wo das Desinfektionsmittel produziert wird. Etwa 30 000 sind noch da, weitere 20 000 sind bestellt. Verschickt werden die fertigen Packungen an Bahnhofsmanagementstationen in ganz Deutschland. Die Pakete fallen unter die Gefahrgutverordnung. Der Inhalt muss in Kartons mit besonders stabilen Wänden verstaut und mit Spezialklebeband umwickelt werden.

Fürs Verpacken und Abfüllen beschäftigen Thomas Köhler und sein Team Kollegen aus anderen DB-Abteilungen, die coronabedingt weniger Aufträge haben. Dafür wurden drei Stationen eingerichtet. „Wer in der Gastronomie tätig war, kann es besonders gut“, scherzt Köhler – und hat recht. Sein Kollege an der Station zapft ein Desinfektionsmittel nach dem anderen in ein Polyethylengefäß, ähnlich wie der Schankkellner das Bier vom Fass ins Glaserl bringt.

Fürs Mischen sind die Chemiker zuständig. Zu Isopropanol oder Ethanol als viruziden Wirkstoffen kommen gereinigtes Wasser, Glycerin zur Hautpflege sowie Wasserstoffperoxid, um Sporenreste abzutöten und die Mischung stabil zu halten. Richtig miteinander verbunden werden die Inhaltsstoffe frei nach dem Motto „geschüttelt und nicht gerührt“. Der Schüttler ist eine Apparatur, die das Gefäß mit den Substanzen automatisch hin- und herbewegt. Zehn Minuten lang. Die fertige Mischung gibt’s dann ein paar Wochen später am Bahnhof. Zum Benutzen, aber nicht zum Verkauf: Die Bahn produziert nur für den Eigenbedarf.

Artikel 7 von 9