München/Regensburg – Fünf kostbare Tage im Juni waren Joseph Ratzinger und seinem drei Jahre älteren Bruder geschenkt, damit sie sich auf dieser Welt noch einmal sehen konnten. Am 18. Juni war der zurückgetretene Papst Benedikt XVI., der selber von Alter und Krankheit gezeichnet ist, überraschend nach Regensburg gereist, um seinen schwerkranken Bruder zu besuchen. Schon da konnte man ahnen, dass Georg Ratzinger nicht mehr sehr viel Zeit hier auf Erden bleibt. Gestern Mittag nun ist der ehemalige Domkapellmeister der weltberühmten Regensburger Domspatzen gestorben. „Es war ein leichter Tod“, sagte der Pressesprecher des Bistums Regensburg, Clemens Neck. „Man kann von Einschlafen sprechen.“ In Regensburg geht man nicht davon aus, dass Benedikt XVI. zur Beisetzung kommen wird.
Vor zwei Wochen hatten sie noch miteinander geredet, den geliebten Apfelstrudel gegessen – und zusammen die Heilige Messe gefeiert. Es dürfte für Benedikt XVI. ein großer Trost sein, dass er kurz vor dem Tod seines geliebten Bruders noch einmal so viel Zeit mit ihm verbringen konnte. Dabei hatten sich die beiden Brüder eigentlich auf viel mehr gemeinsame Jahre eingestellt. Georg Ratzinger hatte immer davon geträumt, mit dem jüngeren „Ratz“ den Lebensabend in Pentling (Kreis Regensburg) verbringen zu können. Dort, wo auch das Grab der Eltern und von Schwester Maria ist. Doch Bruder Joseph ging nicht – wie geplant – als Präfekt der Glaubenskongregation in den Ruhestand. Er wurde 2005 zum Papst gewählt. So lange es der zuletzt fast völlig erblindete Georg Ratzinger gesundheitlich konnte, besuchte er seinen Bruder im Vatikan. Doch zuletzt ließ es sein Gesundheitszustand nicht mehr zu.
Gemeinsam hatten die Brüder Theologie studiert, gemeinsam waren sie am 29. Juni 1951 in Freising zum Priester geweiht worden. Im kommenden Jahr hätten sie das 70-jährige Weihejubiläum feiern können. Während Joseph Ratzinger die theologische Laufbahn einschlug, widmete sich sein Bruder voll und ganz der Musik. Schon als elfjähriger Bub hatte er in der Kirche die Orgel gespielt. 1964 übernahm er das Amt des Domkapellmeisters am Regensburger Dom. Ein Amt, das er 30 Jahre bekleiden sollte. Und in dem es die wunderbare Erfolgsgeschichte der Domspatzen gab, aber auch die Schattenseiten mit Missbrauchsfällen und körperlicher Gewalt. Georg Ratzinger hat bis zuletzt versichert, von den Missbrauchsfällen nichts gewusst zu haben. Aber er gab zu, die Domspatzen „geohrfeigt“ zu haben. Dafür hatte er sich später öffentlich entschuldigt. Um die Qualität des Chores zu steigern, soll Georg Ratzinger nach Berichten von früheren Schülern regelrecht jähzornig agiert haben. Doch viele seiner Schüler scheinen dem Domkapellmeister das verziehen zu haben. „Die Gesänge seiner Domspatzen werden ihn in den Himmel begleiten“, heißt es auf der Webseite des weltberühmten Knabenchores. Im Rahmen der Corona-Beschränkungen würden die Sänger die Totenmesse für ihren langjährigen Leiter musikalisch gestalten. Domkapellmeister Christian Heiß, selbst ehemaliges Chormitglied, sagte: „Ohne ihn wäre ich nicht das, was ich heute bin.“ Dessen „unvergleichliche Hingabe an die Kirchenmusik, der er sich mit Leib und Seele verschrieben hatte, sein Klangsinn, seine beständige Sorge für die Institution und seine Bescheidenheit bei allem Erfolg sind mir Ansporn und Vorbild.“ Auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer würdigt den 96-Jährigen in den höchsten Tönen. „Konzertsäle konnten Sie in Gebetshäuser verwandeln“, gab er ihm gestern mit auf den Weg. Seine letzte Ruhestätte wollte Georg Ratzinger am Unteren Friedhof in Regensburg finden.