von Redaktion

VON DIRK WALTER

München/Innsbruck – Er hatte im April 1945 halb tote KZ-Häftlinge aus den Lagern Kaufering und Landsberg gesehen, er hatte von den verbrannten Leichen im dortigen Krankenlager gehört, so detailliert, dass sich ihm „der Magen umdrehte“ – doch der 20-jährige US-Soldat Herbert Rothschild, Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen und Österreich, war nicht verbittert. Er war mit seiner Einheit Mitte Mai im Tiroler Dorf Mieders gelandet – ein idyllischer Ort nach so viel Grausamkeit. Jetzt konnte er sich erholen. „Wir sind mitten in einem Urlaubsgebiet und es ist wirklich schön hier“, schrieb er nach Hause. „Ich kann verstehen, warum die Leute hier Ferien machen.“

Urlaub im Kriegsgebiet – einen Eindruck über den Alltag der Besatzung, die eine Mischung oder (wie man Wienerisch sagen würde) eine Melange aus Gewalt und Zerstreuung war, bietet jetzt ein eindrucksvoller Bildband. Fotografen des sogenannten Signal Corps der US Army begleiteten Divisionen, die sich von Oberbayern aus über Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald/Scharnitz bis ins Tiroler Inntal kämpften. Im Signal Corps waren die Fotografen der US-Armee versammelt. Sie begleiteten die Kämpfe an fast allen Kriegsschauplätzen. Bis zum Schluss. Bis nach Tirol.

Peter Pirker und Matthias Breit, zwei österreichische Historiker, haben einen wahren Bilderschatz in amerikanischen Archiven gefunden. Jubel, Gewalt, verwesende Leichen, glückliche Tiroler – alles kommt drin vor. Man kann stundenlang in dem Buch blättern, sich in einzelne Fotos vertiefen. Und wie immer, wenn es um historische Fotos geht, gibt es mehr Fragen als Antworten. Wie ging es wohl mit den Hitlerjungen weiter, die sich am 5. Mai bei Starkenbach im Oberinntal an einer Scheune aufstellten und ergaben? Wie mit den erschöpften Soldaten, die sich am 4. Mai über die verschneite Brenner-Grenze schleppten? Haben die US-Soldaten überlebt, die am 1. Mai in Scharnitz im Straßengraben lagen, weil sie von den Bergen aus unter Beschuss gerieten?

Bis sie in Tirol ankamen, hatten die US-Soldaten einen langen Weg zurückgelegt. Die meisten hatten zuvor in Frankreich gekämpft, waren dann langsam über Schwaben und Oberbayern vorgerückt. Aber was heißt das schon: Die jungen US-Soldaten, die meisten kaum 20 Jahre alt, überlebten ein Inferno der Gewalt, und das bis zum Schluss.

Der Krieg ging in Oberbayern zumeist am 29. (Dachau) oder 30. April (München) zu Ende, weiter im Süden aber dauerte er indes noch ein paar Tage länger. Innsbruck wurde erst am 3. Mai befreit. Bis zuletzt griffen Heckenschützen die vordringenden Amerikaner an, versprengte Einheiten, halbe Buben darunter in zusammengeschusterten Uniformteilen. Im Stubaital beschossen Soldaten der Tiroler Wehrmachtskasernen und der Hochgebirgsschule der Waffen-SS die Amerikaner. Elf Stunden lang dauerten die Kämpfe, bei denen sechs US-Soldaten starben – einige zerrissen durch Sprengfallen. In den Tagen bis zum Kriegsende verzeichneten allein zwei der vier beteiligten Großverbände der US-Armee noch 57 gefallene und 240 verwundete Soldaten. Fotos davon gibt es allerdings nicht – das Signal Corps unterlag gewissen Regeln, es sollte die Verluste des Kriegsgegners festhalten, allerdings nicht die der eigenen Einheiten.

Anders als in Oberbayern gab es in Tirol kein KZ. Allerdings das „Arbeitserziehungslager“ Reichenau, wo unter Gestapo-Regie brutale Bedingungen herrschten. Bis kurz vor Schluss ermordeten die Nazis dort Widerstandskämpfer – und auch die Exhumierung von Leichen hielten die Fotografen des Signal Corps fest.

Doch es ist fast ein Wunder, dass die Soldaten – dieser Eindruck ergibt sich zumindest aus den Fotos – trotz alledem nicht auf Rache aus waren. Eher war das Gegenteil richtig. Auf den Fotos dominiert der lässige US-Soldier, der es sich in Tirol mal einige Wochen gut gehen lassen konnte. Nach all den Strapazen machte sich bei den „Amis“ Ferienstimmung breit. Das war auch eine Einstellungssache. In der amerikanischen Armee dominierte eben nicht der verbissene, politisierte Kämpfertyp, wie sie ihn auf der Gegenseite nur allzu oft kennengelernt hatten. Die Soldaten selbst schweißte der Krieg zusammen, es bildeten sich Freundschaften. Statt von Kameraden sprachen die Amerikaner von Buddies – Kumpel. Viele Fotos dokumentieren das Freizeitverhalten der Buddies: Skifahren auf dem Hafelekar, Tanz, Musik, Schäkern mit den Tiroler Frauen – und natürlich auch viel Sport. Die Einheimischen staunten bald über dieses seltsame Baseball.

Doch es war eine trügerische Ruhe. Am Pazifik tobte noch der Krieg – und viele US-Soldaten waren jung. Nur die Kapitulation Japans am 2. September verhinderte wahrscheinlich ihre Versetzung. Dass nicht wenige später aber im Koreakrieg starben, steht auf einem anderen Blatt.

Das Buch

Peter Pirker, Matthias Breit: Schnappschüsse der Befreiung. Fotografien amerikanischer Soldaten im Frühjahr 1945, Tyrolia Verlag, 304 S., 29,95 Euro.

Artikel 1 von 11