Gefährlicher Trend: Kühe erschrecken

von Redaktion

VON KATRIN HILDEBRAND

München – Wer Rinder ärgern will, sollte zum Brettspiel greifen. 2008 brachte ein Verlag den Familienspaß „Fiese Kühe“ heraus. Die Spieler können mit Kommandos die Tiere der Gegner nerven und vertreiben. Schaden nimmt dabei niemand, denn die Kühe sind nur wenige Zentimeter groß und aus Holz. Deutlich beliebter als dieses Spiel ist bei vielen jungen Menschen aber gerade ein anderer Trend. Im sozialen Netzwerk TikTok ist er als „Kulikitaka Challenge“ bekannt – benannt nach dem Lied des Merengue-Stars Toño Rosario und dem dazugehörigen Tanz. Immer mehr Menschen posten Videos, in denen sie im Rhythmus von „Kulikitaka“ den Kopf senken, die Arme einzeln heben, das Knie aufstellen und dann auf jemanden zustürmen. Manchmal auf Kinder oder Haustiere – häufig erschrecken die Tänzer aber Pferde oder Kühe. Für letzteres gibt es bereits einen eigenen Begriff: die Scaringcow-Challenge, die Aufforderung, Kühe zu ängstigen.

Der oberösterreichische Biobauer Georg Doppler prangert den Trend an. „Darf denn jeder alles tun? Ohne Konsequenzen? Einfach weil’s grad cool is und viele Likes bringt?“ In einem Video erklärt er: „Des san Viecher. Die verteidigen ihre Kälber, die verteidigen ihr Revier. Die rennen über euch drüber, so schnell könnt’s gar ned schauen.“ Auch der Bayerische Bauernverband findet den Trend alles andere als komisch. „Hier werden unnötig Risiken für Mensch und Tier in Kauf genommen, nur um Klicks und Aufmerksamkeit zu erzielen. Das ist falsch und unverantwortlich“, sagt ein Sprecher.

In Bayern sind dem Verband noch keine Fälle bekannt. Um zu recherchieren, haben sich die Interessensvertreter der Landwirte durch die Online-Plattformen geklickt. Auf für Bayern und die Alpen typische Rinderrassen als Opfer sind sie nicht gestoßen. Einiges an Material scheine aus den USA zu kommen. So wie das Video einer Frau aus Texas. Sie wollte die Scaringcow-Challenge am Hof ihrer Schwester mit ihr vertrauten Rindern ausprobieren. „Aber dann war ich es, die vor Mama Kuh wegrannte, als diese ihren Fuß nur leicht bewegte“, schreibt sie. „Ich empfehle nicht, in eine Weide mit Tieren, die man nicht kennt, hineinzugehen.“

Obwohl in Bayern noch keine TikTok-Kuhhatz an die Öffentlichkeit drang, gab es erst vor wenigen Tagen ein Unglück, bei dem zwei Tiere ums Leben kamen. Am Immenstädter Horn im Allgäu stürzten 13 Rinder ab. Verursacher waren wohl nächtliche Wanderer. Sie müssen die Tiere erschreckt haben. Das Immenstädter Forstreferat bat Besucher nun, am Berg vorsichtig mit Weidevieh umzugehen, auf nächtliche Aktivitäten außerhalb fester Wege zu verzichten sowie keine starken Leuchten zu verwenden oder gar Feuer zu entzünden. Den lokalen Behörden war schon länger aufgefallen, dass Menschen in und an der Hütte nachts feierten, Lagerfeuer machten und campierten.

Der Trend, über Nacht in den Alpen zu campen und zu feiern, greift ebenfalls um sich. „Gerade nachts brauchen die Tiere ihre Ruhe“, sagt Dominik Landerer, Ranger im Naturpark Ammergauer Alpen. Wild campen ist in Bayern verboten. Besonders teuer wird es in Naturschutzgebieten, Nationalparks, Biosphärenreservaten und Biotopen.

Dass Menschen im Gebirge lärmen, wild campen, Rinder in Schrecken versetzen, ja sogar in Lebensgefahr bringen, ist die eine Seite. Menschen gefährden sich dadurch aber auch selbst. Rinder flüchten zwar auch mal – aber nicht immer. „Muttertiere versuchen ihre Kälber zu verteidigen und zu beschützen“, erklärt der Bauernverband. „Wenn diese mehrere hundert Kilo schweren Tiere in Panik geraten, können sie Unfälle verursachen oder Menschen, andere Tiere oder sich selbst verletzen.“ In Tirol etwa gab es im Bereich des Vilsalpsees vor einigen Wochen mehrere Kuh-Angriffe auf Wanderer. Innerhalb eines umzäunten Weidegebiets wurden binnen weniger Stunden eine Nürnbergerin, ein Ebersberger und ein Kind aus Schwaben verletzt. Als mögliche Ursache nannte der zuständige Almmeister den großen Andrang von Touristen und deren unvorsichtigen Umgang mit den Rindern.

Um das Miteinander von Mensch und Tier zu verbessern, hat der Bauernverband für Halter und Wanderer Verhaltensvorschläge zusammengestellt. Die „12 Regeln für die Begegnung mit Weidetieren“ können auf Almen ausgehängt werden – nebst Warnhinweisen, dass sich in dem Gebiet Rinder befinden. In den Regeln wird von Selfies mit Kühen ebenso abgeraten wie von hektischen Bewegungen oder lauten Geräuschen. Also von allem, was auch in TikTok-Videos vorkommt.

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