Wer meint, „social distancing“ sei eine moderne, durch Corona gestiftete gesellschaftliche Einrichtung, täuscht sich gewaltig. Vielmehr sind Phänomene gesellschaftlicher Trennung uralte Bestandteile der Sozialgeschichte, auch der bayerischen! Entgegen der Lyrik der Fremdenverkehrs- und Gastronomieverbände war zum Beispiel das bayerische Wirtshaus nur selten ein Hort von Integration und Gemeinsinn. Man ging nicht in ein Wirtshaus, auf das man gerade Lust hatte, sondern in eines, das einem schichtenspezifisch zustand. Die Honoratioren in die Tafern- und Brauereigasthäuser, die Bauern in die Bauernwirtshäuser und die Arbeiter in die Arbeiterkneipen. Für Knechte und Mägde, Künstler und andere Underdogs blieben zwielichtige Stopselwirtschaften, Gassenschänken und Branntweinstuben. Auch im nur scheinbar egalitären Biergarten oder Volksfest war es undenkbar, dass sich der Knecht mir nichts, dir nichts an den Tisch seines Großbauern gesetzt hätte, um mit ihm Brüderschaft zu trinken. Augenscheinlichstes Symbol der sozialen Trennung war der sogenannte Affenstall, ein durch Latten abgegrenztes Geviert in der Wirtsstube, in das nur Pfarrer, Bürgermeister und Großbauern Zutritt hatten, um darin ihren allabendlichen Tarock oder Schafkopf zu spielen. Der „Affenstall“ war eine Notlösung in Orten mit nur einem Wirtshaus. Dieser Verschlag hatte aber auch seine Vorteile: Die Honoratioren waren zwar unter sich, konnten aber doch mit einem Ohr lauschen, welch aufrührerische oder ketzerische Reden die Untertanen führten. Selbstredend, dass sich der Begriff „Affenstall“ eher in den Reihen der Subalternen der Beliebtheit erfreute, selber bevorzugten die Honoratioren Begriffe wie „Salettl“ oder „Haimlichkeit“! Was den Honoratioren des Dorfes Recht war, war dem Landadel billig. Das Bekenntnis zu christlicher Brüderlichkeit führte keineswegs so weit, sich am Sonntagsgottesdienst unter das gemeine Volk zu mischen. Da zwängte man sich lieber eine enge Wendeltreppe hinauf in die Gebetsnische, die allein für den Hofmarksherrn und seine Familie reserviert war. Dort war man nicht nur dem Bauernvolk und seinen Stallgerüchen fern, sondern dem eucharistischen Geschehen in der Apsis nahe. Mehr noch, das Heiliggeistloch über dem Haupt ließ erhoffen, einer kleinen Portion geistlicher Inspiration direkt vom Sender, also ohne Umweg priesterlicher Verballhornung, teilhaftig werden zu dürfen. Und dass man dem neuen, vielleicht herzjesuroten Kaplan von oben her ein wenig in sein Predigtmanuskript schauen konnte, mochte ja auch nicht schaden. Ob also Affenstall oder Heiliggeistloch: „Social distancing“ erfreute sich immer schon einer gewissen Beliebtheit, wenn es darum ging, Abstand zu schaffen. Da sind die heutigen Einmeterfünfzig ja geradezu sozialistisch gering!