Als 2500 Männer die Zugspitze bezwangen

von Redaktion

VON CLAUDIA SCHURI

Garmisch-Partenkirchen – Es ist 12.15 Uhr, als sich Lok Nummer 11 in Bewegung setzt. Eben hat sie den kirchlichen Segen erhalten, jetzt tuckelt sie vom Bahnhof Eibsee (Kreis Garmisch-Partenkirchen) die Zugspitze hinauf. Für die Fahrt sind eine Stunde und zehn Minuten eingeplant. Dann kommen die Fahrgäste am ehemaligen Hotel Schneefernerhaus an – ein historischer Moment. Heute jährt sich die Jungfernfahrt der Zahnradbahn an der Zugspitze zum 90. Mal.

22 Millionen Reichsmark kostete das damals stark umstrittene Vorhaben. 2500 Männer schufteten bei Wind und Wetter. So konnte die Bahn in Rekord-Zeit gebaut werden. „Das ist heute gar nicht mehr vorstellbar“, sagt der Betriebsleiter Rainer Weber. Am 1. April 1928 wurde die Bau- und Betriebskonzession für eine gemischte Reibungs- und Zahnradbahn erteilt. Bereits am 19. Dezember 1929 ging die Talstrecke zwischen Garmisch und dem Eibsee in Betrieb. Um das zu schaffen, arbeiteten zum Teil rund 1250 Männer gleichzeitig. „Es gab Schwierigkeiten, die Grundstücke zu erwerben, man musste mit jedem Besitzer einzeln verhandeln“, erklärt Weber. Das dauerte – also mussten die Arbeiter umso mehr Gas geben.

Eine noch größere Herausforderung war der Bau der Zahnradstrecke vom Eibsee auf den Schneeferner: 1010 Meter Höhenunterschied mussten überwunden werden – bei einer maximalen Steigung von 25 Prozent. „Darum macht der Tunnel zwei Kehrschleifen“, erklärt Weber. Für die Arbeiter bedeutete das: 80 000 Kubikmeter Gestein über Schüttelrutschen ins Freie befördern. Für die knapp viereinhalb Kilometer lange unterirdische Trasse zwischen Riffelriss und dem Schneefernerhaus bohrten sie sich im Schnitt täglich 5,3 Meter in den Fels.

„Im Tunnel wurde schon mit Druckluftbohrer gearbeitet“, erklärt Weber. Angriffspunkte waren am Riffelriss sowie an drei Kavernen, die auf 1100 Metern, 2380 Metern und 3144 Metern Tunnellänge am Berg angelegt wurden. Die Arbeiter übernachteten dort sogar. Es gab Kantinen und Holzbaracken mit Stockbetten – alles auf engstem Raum. „Man hat gelebt wie im U-Boot“, sagt Weber. „Wenn die eine Schicht rausgegangen ist, hat die nächste die Betten übernommen.“

Die Arbeit und das Leben am Berg waren anstrengend – und gefährlich. Einmal brach in der Kantine bei Fenster vier Feuer aus: Die Flammen griffen auf die Wohnbaracken über, zwei Männer starben. Zehn Personen kamen beim Bau der Zahnradbahn ums Leben. Sie stürzten ab, wurden verschüttet oder von Steinen erschlagen, bei manchen ist die Todesursache unklar. Zehn menschliche Tragödien, doch: „In Verhältnis zur damaligen Zeit, der Anzahl der Beschäftigten und den Herausforderungen der Baustelle ist es noch glimpflich abgelaufen“, sagt Weber.

Die Eröffnung der Zahnradstrecke Eibsee–Schneefernerhaus am 8. Juli 1930 war ein großes Spektakel mit vielen Schaulustigen. Ein Reichsbahnsonderzug brachte die Gäste von München nach Garmisch-Partenkirchen, das Interesse war riesig. Trotzdem lief der Betrieb der Zahnradbahn zunächst verhalten an. „Man hatte sich mehr erwartet“, sagt Weber. Rund 13 000 Gäste fuhren im ersten Jahr auf die Zugspitze – für 25 Reichsmark in der gepolsterten zweiten Klasse und 20 Reichsmark in der Holzklasse sowie zusätzlich drei Reichsmark für die Erreichung des Gipfels. 1937 waren es dann schon 120 000 Besucher.

Bis heute haben 20 Millionen Fahrgäste die Zahnradbahn genutzt. Jedes Jahr besuchen 600 000 Menschen die Zugspitze. Die meisten machen die Rundreise mit der bis zum Boden verglasten Seilbahn und der durch Tunnel führenden Zahnradbahn. „Das Publikum ist bunt gemischt“, sagt Rainer Weber. Die Gäste kämen aus aller Welt. Am Schneefernerhaus steigt inzwischen niemand mehr aus: 1987 wurde der Rosi-Tunnel – ein 975 Meter langer Tunnelabzweig, benannt nach Skifahrerin Rosi Mittermaier-Neureuther – zum Skigebiet Zugspitzplatt fertiggestellt. Von dort geht es mit der Gletscherbahn auf den Gipfel.

Rainer Weber ist seit 29 Jahren bei der Zahnradbahn. Er hat Streckensanierungen, die Beschaffung neuer Fahrzeuge und 2008 den Dienstschluss der ersten Berglok, Nummer 11, miterlebt. Sie ist jetzt im Deutschen Museum in München. Eines hat sich nie verändert und war sicher auch schon vor 90 Jahren so: „Der Blick und die Stimmung sind besonders“, sagt er. „Es gibt nichts Schöneres, als an einem kalten Herbsttag die Morgen- und Abendstimmung auf dem Berg zu genießen.“    (mit lby)

Die Ausstellung

zum Thema „90 Jahre Zahnradbahn“ ist zu den Betriebszeiten der Seilbahn-Zugspitze in der Seilbahn-Gipfelstation zu sehen. Der Eintritt ist frei für Zugspitzgäste.

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