Gipfel der Inszenierung

von Redaktion

VON DIRK WALTER

München/Schnalstal – Der Südtiroler Heimatpflegeverband schäumt. „Ihre Aussichtsplattform“, schreiben zwei Wortführer an die Adresse der Schnalstaler Gletscherbahnen AG, „verunziert den Gipfel der Grawand“. Sie sei „Ausdruck einer seit Jahren grassierenden Berg-Bespaßung und Inszenierung der Alpen“. Das Ergebnis seien Funparks und kühne Architekturprojekte auf den Berggipfeln.

Das ist keine Südtiroler Spezialität – wer mag, kann von Garmisch-Partenkirchen aus auch zur Alpspitze hochschauen, wo es seit Juli 2010, also seit nunmehr zehn Jahren, das „AlpspiX“ gibt, zwei X-förmig angeordnete Aussichtsplattformen. Oder auch an das „Fernrohr“, die begehbare Röhre am Karwendel hoch über Mittenwald.

Der jüngste Sündenfall oder zumindest Aufreger ist jedoch jene Konstruktion, die derzeit auf der Grawandspitze hoch über den Schnalstal (nordwestlich von Meran) entsteht. Tonnen von Stahl, eine Aussichtsplattform, dazu Fernrohre, die den Blick auf die umliegenden 3000er ermöglichen sollen. Eine Kabine auf der Plattform enthält Infos zum Ötzi, dem legendären Eismann, den das Ehepaar Simon nicht weit weg von der Grawand 1991 gefunden haben – und der nun Namensgeber für den neuesten Gag der Südtiroler Tourismusindustrie ist.

Thomas Stecher, Geschäftsführer der Gletscherbahnen, redet erst gar nicht lange rum: „Wir bespielen den Gletscher seit 45 Jahren“, sagt er. Kaum zehn Minuten entfernt vom neuen „Ötzi Peak“ ist die Bergstation der Gletscherbahn, daneben das Glacier Hotel Grawand. Die Gletscherbahnen bewerben es als „das höchstgelegene Hotel Europas“. Doch das Schnalstal ist nun mal etwas abgelegen – da ist eine neue Attraktion höchst willkommen. Baugenehmigung, Umweltprüfung, ein Gemeinderatsbeschluss – alles liegt vor. Der Bau hat begonnen, die Plattform steht schon. Nun wartet der Geschäftsführer ungeduldig auf Spezial-Stahl, der aus Deutschland geliefert wird – was sich wegen der Corona-Krise verzögert. Anfang August aber soll die Plattform eröffnet werden. Das wäre gerade noch rechtzeitig für die sehnlichst erwarteten Sommergäste aus Deutschland. Von der Bergstation wird ein gut ausgebauter Fußweg (mit Handlauf!) zum Gipfel führen.

Der Heimatpflegeverband nennt das eine „billige Anbiederung an den internationalen Seilbahn- und Halbschuhtouristen“ – aber Geschäftsführer Stecher wäre froh, wenn denn nur einige Exemplare dieser geschmähten Spezies tatsächlich kommen würden. Selbst zur Sommer-Hochsaison vor Corona fuhren am Tag höchstens 1000 Personen hinauf. Für Südtiroler Verhältnisse ist das ausbaufähig. „Unsere Bahn hat mehr Kapazität“, sagt Stecher.

Ganz unrealistisch ist diese Erwartung nicht, wie ein Blick zur Plattform „AlpspiX“ zeigt. „Unsere Besuchszahlen haben sich im ersten Jahr nach der Eröffnung im Sommer 2010 nahezu verdoppelt und sind seitdem etwa auf dem gleichen Stand“, berichtet die Sprecherin der Bayerischen Zugspitzbahn, Verena Lothes. Im Jahr fahren 590 000 Besucher mit Hochalm-, Kreuzeck- und Alpspitzbahn, davon 150 000 in der Sommersaison. Auch am „AlpspiX“ gab es anfangs viel Kritik. Sogar der Alpenverein warnte, die Berge dürften „nicht zur Kulisse für touristische Attraktionen degradiert“ werden. Von „Verunstaltung“ sprach der Bund Naturschutz.

Mittlerweile ist die Kritik verhallt. Man hört nichts mehr. So wird es wohl auch bald in Südtirol sein. Man gewöhnt sich an alles.

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