Türken in Bayern bangen um ihren Urlaub

von Redaktion

VON MAYLS MAJURANI

München/Erding – Es ist Weihnachtszeit. Cemal Aydin sitzt am Laptop und vergleicht Preise. Dann bucht er einen Flug in sein Geburtsland, die Türkei – wie jedes Jahr. Von Corona ist noch keine Rede. Jeden Sommer fliegen oder fahren der Erdinger und seine Frau Aynur in den Norden Anatoliens, um Familie und Verwandte zu besuchen. „Wir wollten im Juni fliegen“, erzählt der 57-Jährige, „dann kam aber die Pandemie und unser Flug wurde gestrichen.“

Lange Zeit war nicht klar, wie sich die Pandemie entwickelt und ob ein Urlaub in diesem Sommer überhaupt möglich ist. Dann entspannte sich die Situation allmählich. Im Mai konnte Aydin einen Ersatzflug für August buchen. Eine Reisewarnung gab es damals bereits. „Aber wir haben die Entwicklung in beiden Ländern beobachtet und waren uns sicher, dass die Reisewarnung bis zum Flug aufgehoben wird.“

Das ist noch nicht passiert. Auf seinen Urlaub will der zweifache Vater trotzdem nicht verzichten: „Ich und meine Frau leben seit über 30 Jahren in Deutschland, aber unsere engsten Verwandten – meine Eltern, meine Schwiegermutter und unsere Geschwister – leben in der Türkei.“ Angst wegen der Reisewarnung hat er nicht, er bleibt optimistisch. Schließlich gebe es für einige Länder, die wesentlich größere Corona-Probleme als die Türkei hätten, keine Warnung.

„Die Türkei hat einen guten Job gemacht“, sagt Vural Ünlü, Vorstandssprecher der Türkischen Gemeinde in Bayern. „Nicht perfekt, aber gut.“ In der Tat sind die Infektionszahlen in der Türkei in den vergangenen Wochen zurückgegangen. Laut türkischem Gesundheitsministerium sank die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100 000 Einwohner von 12,0 auf nun 10,4. In Bayern liegt dieser Wert aktuell bei 3,5. Kritisch wird es laut Staatsregierung ab einem Wert von 35. Grund für Zweifel an den offiziellen türkischen Infektionszahlen sieht Ünlü nicht: „Natürlich kann jedes Land seine Statistiken schönfärben.“ Wenn es aber auch nur kleinste Indizien für falsche Zahlen in der Türkei geben würde, wäre der Aufschrei in regierungskritischen Medien und in der Opposition groß, meint Ünlü.

Der 48-Jährige selbst hat seinen geplanten Urlaub bereits storniert. Mit der Reisewarnung habe das aber nichts zu tun, versichert er: „Für Großbritannien gibt es keine Reisewarnung und dort schaut es, was Corona betrifft, um einiges schlimmer aus als in der Türkei. Aber wenn es einen kurzfristigen Lockdown geben sollte, will ich nicht im Hotel eingesperrt sein“, betont er. In der Türkei kam es vor allem während der Hochphase der Pandemie zu kurzfristigen Ausgangssperren. Ünlü berichtet auch über Bekannte, die im März in der Türkei waren. Als die Grenzen geschlossen wurden, mussten sie monatelang auf ihre Rückreise warten. Doch anderen Türken will er von einer Reise in die Heimat nicht abraten: „Das muss jeder selbst entscheiden, ob er fliegen will. Es gibt immer ein Risiko, das gibt es aber auch zu Hause. Es geht auch nicht immer um das klassische Sommervergnügen. Die Menschen haben ihre Familien dort.“

Über die drohende Quarantäne beim Rückflug macht sich der 48-Jährige weniger Sorgen. Die Türken im Freistaat hätten sogar einen Vorteil: „Wir können uns in Bayern ja jetzt kostenlos testen lassen.“ Wer nachweislich gesund ist, könne so eine Quarantäne nach der Rückkehr verhindern. Doch vielleicht ist bald nicht mal das nötig. Der Tourismusbeauftragte des Bundes, Thomas Bareiß, machte Hoffnungen auf die baldige Aufhebung der Reisewarnung: „Wenn die Lage gut ist, und vergangene Woche war die Lage gut, können wir auch relativ schnell die Öffnungen vorbereiten.“

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