„Vergelt’s Gott, lieber Georg!“

von Redaktion

VON CLAUDIA MÖLLERS

Regensburg – Überall Blumen in den Papstfarben weiß und gelb. Den schlichten Sarg umsäumt eine Girlande von Rosen, Gerbera, Nelken, Schleierkraut und Farnblättern. Schräg dahinter ein großes Porträt eines sanft lächelnden Georg Ratzingers – und daneben auf einem kleinen Tisch steht sein Primizkelch. Auf den Tag genau vor 69 Jahren um 9 Uhr morgens hatte Georg Ratzinger in der Pfarrkirche St. Oswald in Traunstein seine erste Messe als Priester gefeiert. Zwei Stunden vorher hatte dort sein drei Jahre jüngerer Bruder Joseph seine sogenannte Primiz gefeiert.

69 Jahre später verfolgt Joseph Ratzinger als emeritierter Papst Benedikt XVI. die gestrigen Trauerfeierlichkeiten für seinen vor acht Tagen verstorbenen Bruder von seinem Alterssitz im Vatikan aus über das Internet. Vor zwei Wochen noch hatte er Georg völlig überraschend am Krankenbett besucht. Doch jetzt, zur Beerdigung, kann der 93-Jährige nicht noch einmal in seine bayerische Heimat reisen. Aber Benedikt ist doch beim Requiem im Regensburger Dom anwesend, denn an seiner Stelle verliest sein Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein einen Brief des emeritierten Papstes. „Vergelt’s Gott, lieber Georg, für alles, was Du getan, erlitten und mir geschenkt hast!“, gibt der 93-jährige Benedikt seinem drei Jahre älteren Bruder mit auf den letzten Weg. „Dass ich in den letzten Tagen seines Lebens noch einmal mit ihm zusammen sein durfte“, dafür dankt Benedikt zutiefst. Georg habe nicht um einen Besuch gebeten. „Aber ich spürte, dass es die Stunde war, um noch einmal zu ihm zu fahren.“

Als sich die Brüder am 22. Juni morgens verabschiedeten, „wussten wir, dass es ein Abschied aus dieser Welt für immer sein würde. Aber wir wussten auch, dass der gütige Gott, der uns auf dieser Welt dieses Zusammensein geschenkt hat, auch in der anderen Welt regiert und uns dort ein neues Miteinander schenken wird“, zitiert Gänswein den Papa emeritus und ringt um Fassung. Sein Bruder Georg habe den Beruf des Domkapellmeisters mit „vielerlei Leid“ erkauft, schreibt Benedikt, denn er habe anfangs viel Ablehnung erfahren. Doch er sei zugleich „Vater vieler junger Menschen geworden“, die ihm dankbar als seine Domspatzen zur Seite gestanden hätten. Bewegt zeigt er sich von den vielen Mails und Briefen der Anteilnahme, die er bekommen habe. Sie hätten sein Herz berührt. Benedikt XVI. dankt ausdrücklich dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer für dessen Hilfe in den „nicht leichten Wochen“.

Der Regensburger Bischof, der auch das Requiem zelebriert hatte, schickt via Internet Worte der aufrichtigen Teilnahme nach Rom. Den verstorbenen Domkapellmeister nennt er einen begnadeten Kirchenmusiker. Sein Vermächtnis sei, dass Kirchenmusik nicht eine äußerliche Zutat zum Gottesdienst sei, sondern selbst Gebet. Kirchenmusik sei ein Medium der Evangelisierung. Voderholzer würdigt auch die große Menschlichkeit Georg Ratzingers. Es gehöre zu seiner Größe, dass er auch Fehler eingestanden und um Verzeihung gebeten hatte.

Damit spricht der Regensburger Bischof die Tatsache an, dass sich Ratzinger für körperliche Züchtigungen von Domspatzen entschuldigt hatte. Auch sein Nachfolger Domkapellmeister Christian Heiß erwähnt den „Furor“, den Ratzinger bei Chorproben zeigen konnte. Doch habe er es danach immer bedauert. Ratzinger habe Konzertsäle in Gebetshäuser verwandeln können. „Lieber Chef (so nannten die Domspatzen ihren Kapellmeister)! Ruhen Sie sich nun aus und erfreuen Sie sich an der Musik des Himmels. Wir werden Sie nie vergessen“, schließt sein Nachfolger seine Worte. Seine letzte Ruhe fand Georg Ratzinger auf dem Unteren Katholischen Friedhof.

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