„Bayerns Bäume geben gerade einen Warnschuss ab“

von Redaktion

INTERVIEW Martin Neumeyer, Chef der Bayerischen Staatsforsten, spricht über die Krise des Waldes, Borkenkäfer und neue Chancen

Zwei Milliarden Bäume bilden den bayerischen Staatswald. Die Bayerischen Staatsforsten sind der größte Waldbesitzer in ganz Deutschland. Martin Neumeyer ist Chef der Staatsforsten.

Herr Neumeyer, in welchem Zustand befinden sich Bayerns Wälder?

Wir hatten zwei Trockensommer hintereinander, die Bäume haben extrem gelitten. Mehrere Baumarten sind unter Druck gekommen, insbesondere die Fichte, die in Zeiten des Klimawandels eigentlich nur in höhere Lagen passt. Aber auch andere Baumarten, die wir bisher gar nicht so im Blick hatten: Die Kiefer hatte extreme Schäden. Alte, mächtige Buchen sind abgestorben. Das war ein echter Warnschuss, dass das Ökosystem Wald auf den Klimawandel reagiert.

Der Markt ist mit Sturm- und Käferholz überschwemmt, die Preise liegen am Boden.

Der Preis für Nadelholz ist der niedrigste seit Jahrzehnten. Es gibt ein enormes Überangebot an Sturm- und Borkenkäferholz in ganz Mitteleuropa. Das ist eine Folge des Klimawandels. Der Borkenkäfer hat durch die Trockenheit viel günstigere Bedingungen. Die Bäume können sich mangels Wasser nicht mehr wie früher mit Harzausstoß wehren.

Lohnt es sich momentan überhaupt, all das Holz aus dem Wald zu holen?

Wenn die Holzpreise dauerhaft so bleiben, ist das eine gefährliche Entwicklung. Die Aufarbeitung des Schadholzes muss sich für Waldbesitzer rechnen, aktuell ist es vor allem in Nord- und Ostbayern ein Draufzahlgeschäft. Für uns als Staatsforst ist es gesetzlicher Auftrag, vorbildlich alles Schadholz aus dem Wald zu entfernen. Aber es besteht die Gefahr, dass private Waldbesitzer resignieren und sich aus der Bewirtschaftung verabschieden. Wir müssen alles dafür tun, dass es nicht so weit kommt. Denn wenn man einen befallenen Baum stehen lässt, entwickeln sich darin die Borkenkäfer zu Tausenden und infizieren innerhalb weniger Wochen hunderte neue Bäume.

Wie sieht Ihre kurzfristige Strategie aus?

Die Bayerischen Staatsforsten sind ein großer Waldbesitzer in Deutschland. Wir verzichten vorerst bis Herbst auf die Produktion von Frischholz. Das heißt, wir lassen grundsätzlich alle Nadelbäume stehen, die gesund sind. Das soll dazu beitragen, das Überangebot zu begrenzen, damit die Preise wieder in eine erträgliche Region kommen. Wir appellieren auch an die anderen Waldbesitzer, auf Frischholz zu verzichten.

Da muss der Borkenkäfer mitspielen, indem er sich nicht weiter ausbreitet.

Wenn wir etwas Glück haben, können wir bei entsprechender Witterung damit rechnen, dass die Zahl an Käfern nicht höher als im Vorjahr wird oder sogar deutlich geringer ausfällt.

Ist die Situation in ganz Bayern gleich oder gibt es regionale Unterschiede?

Unsere heimischen Bäume kommen mit steigenden Temperaturen besser zurecht, wenn es ausreichend regnet. Südlich der Donau, vor allem im Alpenraum, regnet es regelmäßig mehr als in Franken oder der Oberpfalz. Deswegen können viele Bäume in Südbayern leichter überleben. Das sehen wir ganz klar an der Schadbilanz. In Südbayern ist die Borkenkäfer-Situation nicht so dramatisch. Rund um Nürnberg, in Unterfranken, im Frankenwald, im Bayerischen Wald oder im Oberpfälzer Wald haben wir hingegen historisch hohe Borkenkäferzahlen. Man kann Bayern also nicht über einen Kamm scheren.

Holz in der Krise: Das passt gar nicht zum Gefühl, dass Holz als Baustoff wieder „in“ geworden ist – oder täuscht das?

Corona hat tatsächlich dazu geführt, dass Menschen den Wert heimischer Produkte wieder mehr schätzen. Von Lebensmitteln über Produkte aus der Landwirtschaft bis hin zum Wald. Viele Menschen haben den Wald als Ort der Erholung für sich entdeckt, wir merken das auch in den Staatsforsten. Die Menschen besinnen sich auf die Heimat, das freut uns. Beim Baustoff Holz spüren wir seit Jahren, dass Menschen Holzbauten toll finden. Wir sind da auch vorangekommen. Beim Einfamilien- und Doppelhausbau haben wir in Bayern schon eine Quote von 25 bis 30 Prozent Holzbau. Der Baustoff passt perfekt in die Landschaft. Aber wir müssen Holz auch für den mehrgeschossigen Wohnungsbau und für Gewerbe und Industrie interessant machen.

In München ist von Holz nicht viel zu sehen. Beton und Glas dominieren.

In der Metropole München kann man Baugrund nicht beliebig vermehren. Man muss nachverdichten. Wenn man auf vorhandene Gebäude aufstockt, ist der Baustoff Holz schon aus statischen Gründen unschlagbar. Er ist leichter und Bauteile können vorgefertigt werden.

Warum wird das dann noch nicht gemacht?

Das ist ja mein Appell. Ein wichtiger Punkt dabei ist die Änderung der Bayerischen Bauordnung. Die Chancen, dass sie noch heuer in Kraft tritt, stehen gut. Wir haben uns mehr Zeit gelassen als andere Bundesländer, aber dafür wird es besser. Denn in Bayern wird das Thema Brandschutz bei mehrstöckigen Gebäuden völlig neu geregelt. Man wird künftig auch tragende und sichtbare Elemente aus Holz machen können. Wir knüpfen da an einen internationalen Trend an. Schauen Sie nach Skandinavien. Dort werden schon länger hohe Häuser aus Holz gebaut. Oder das „Hoho“ in Wien, ein Holzhochhaus mit 24 Stockwerken. Ich denke, dass in Bayern Holz durch die neue Bauordnung einen Push bekommt. Man könnte mit Stelzenbauten aus Holz in Großstädten auch Parkflächen zum Beispiel von Supermärkten überbauen.

Sind Förderungen angedacht, ähnlich der E-Mobilität?

Einen Baustoff durch den Staat zu bevorzugen, ist schwierig. Man darf sich nicht mit Förderprogrammen in den Wettbewerb einmischen. Holz muss sich am Markt durchsetzen.

Auch wegen des Klimawandels …

Ja, natürlich. Ein Baum bindet in seiner Lebenszeit CO2 in riesigem Ausmaß. Ich möchte andere Baustoffe nicht schlecht machen, aber alle benötigen zu ihrer Herstellung extrem viel CO2. Und wenn die Lebenszeit eines Gebäudes abgelaufen ist, brauchen andere Baustoffe beim Recycling wieder CO2. Holz hingegen wird völlig CO2-neutral wieder Natur. Das ist in Zeiten des Klimawandels ein glasklares Argument für Holz.

Kommen wir zum Thema Waldumbau. Wegen der Holzpreiskrise werden die Staatsforsten heuer erstmals einen Verlust melden müssen. Wie hoch wird er ausfallen?

Das können wir noch nicht beziffern. Wir leiden natürlich extrem unter den niedrigen Holzpreisen. Aber wir vertrauen darauf, dass der Freistaat uns auch in Krisenzeiten durch eine solide Finanzierung unterstützt.

Der Waldumbau wird wie geplant vorangehen?

An unserem Kernauftrag Walderhalt, Waldschutz, Waldumbau wird es keine Abstriche geben. Das wäre nicht generationengerecht.

Sie wollen bis 2024 rund 30 Millionen neue Bäume in Bayerns Staatswäldern pflanzen.

An dem Ziel wird festgehalten. Normalerweise würden wir 25 Millionen Bäume pflanzen, aber unser Ministerpräsident hat gemeinsam mit Forstministerin Kaniber noch fünf Millionen Bäume draufgelegt – und dafür auch die Finanzmittel bereitgestellt.

Welche Baumarten werden weniger werden, welche kommen neu hinzu?

Den Waldumbau muss man differenziert sehen. Was man wissen muss: 75 Prozent der neuen Bäume sind Naturverjüngung, kommen also vom Wald selber. Die 30 Millionen Bäume kommen obendrauf – und gezielt da zum Einsatz, wo wir verändern müssen. Zum Beispiel in Gebieten, wo wir nur eine Baumart haben, etwa die Fichtenwälder vom Hofoldinger Forst bis Grünwald. Hier dürfen wir nicht nur die Natur walten lassen, sondern müssen Fichten entnehmen und mit neuen Baumarten einen Mischwald begründen.

Was für neue Baumarten erwarten uns denn?

Ab dem Starnberger See südwärts werden wir in Richtung Bergmischwald umbauen mit einem hohen Tannenanteil. Wir setzen dort verstärkt auf die jahrhundertealte Tanne, die aus wirtschaftlichen Gründen der schnell wachsenden Fichte weichen musste. Die Tanne ist nicht so sturmgefährdet und der Tannenborkenkäfer ist weit weniger schädlich als der Fichtenborkenkäfer. Und wir werden Bäume wie die Lärche und Bergahorn sowie fast in Vergessenheit geratene Baumarten wie die Mehlbeere pflanzen.

Und im Flachen nördlich des Starnberger Sees?

Nach Norden hin setzen wir auf mehr Laubholz. In der Münchner Schotterebene wird Fichte reduziert zugunsten von Tanne, Douglasie, Eiche oder trockenen Edellaubhölzern wie Kirsche, Spitzahorn oder Flatterulme.

Wie muss man sich den Umbau vorstellen?

Wir verfolgen das Mindestens-vier-Bäume-Prinzip – also viele Baumarten auf einer Fläche. Mindestens vier, besser mehr. Die Fichte wird natürlich nicht verschwinden, aber auf deutlich unter 50 Prozent reduziert.

Was ist der Vorteil vieler Baumarten?

Wenn eine Baumart unter Druck kommt, zum Beispiel die Buche durch die Hitze oder die Esche durch Schädlinge, dann haben wir immer noch drei, vier, fünf andere Baumarten. Dann verschwindet an dieser Stelle womöglich eine Baumart – aber nicht der Wald. So erhalten wir den Wald für künftige Generationen. Deshalb gehen wir weg von der Reinkultur.

Bäume wachsen langsam. Wann wird man das Ergebnis wirklich sehen?

Wer mit offenen Augen durch den Wald fährt, kann den Umbau heute schon erkennen. Aber wir haben die Verantwortung für gut 800 000 Hektar. 172 000 davon müssen wir umbauen. Davon ist etwas mehr als die Hälfte geschafft – 87 000 Hektar. Bis 2030 wollen wir den Rest geschafft haben. Natürlich ist der Lebenszyklus von Bäumen ein anderer als der des Menschen. Was wir jetzt tun, sieht man dann richtig Generationen später. Beim Wald muss man in Generationen denken.

Nach welche Kriterien suchen Sie die neuen Baumarten aus?

Die Bäume der Zukunft müssen den Herausforderungen des Klimawandels gewachsen sein. Wir denken zuerst an heimische Baumarten, müssen aber auch Arten aus anderen Ländern im Blick haben, wo heute schon ein Klima herrscht, das wir vielleicht in 50 bis 100 Jahren haben werden. Wir machen dazu Praxisanbauversuche mit Baumarten, die es hier noch kaum gibt: die Libanonzeder aus dem Libanon, die Atlaszeder aus Nordafrika oder die Baumhasel aus dem Balkan. Oder Tannen aus dem Balkanraum, die genetisch bedingt mehr Hitze vertragen.

Wo in Bayern sind denn die Testgebiete?

Vor allem im Fränkischen und der nördlichen Oberpfalz, wo es schon heute trockener ist. Das muss man sehr gründlich machen. Wir müssen wissen: Welche Baumarten vertragen sich? Wie ist das mit Schädlingen? Deswegen werden fremde Baumarten auch noch nicht ausgebracht. Man braucht vorher Versuche über zehn bis 20 Jahre. Die Generation nach uns wird es uns danken, wenn sie diese Erkenntnisse nutzen kann.

Das Interview führten Wolfgang Hauskrecht & Georg Anastasiadis

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