München – Der Freitagmorgen beginnt für Hans-Eckhard Sommer mit einem Kurzreferat über Mallorca. Der Chef des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) sitzt an diesem Vormittag nicht in seinem Büro in Nürnberg – sondern in einem virtuellen Klassenzimmer. Ximena Tympe, 42, geboren in Kolumbien, berichtet ihm, ihrer Dozentin und den acht anderen Kursteilnehmern von ihrem Familienurlaub vor zwei Jahren. Sie spricht bereits sehr gut Deutsch, baut in ihren Vortrag viele Neben- und Konjunktivsätze ein. Alles, was sie in den vergangenen Wochen geübt hat, um die Prüfung für das Sprachniveau B2 zu schaffen. Als sie sich am Ende ihres Vortrags für die Aufmerksamkeit bedankt, klatschen die Teilnehmer – jeder zu Hause in seinem Wohnzimmer. Hans-Eckhard Sommer klatscht ebenfalls. Er sitzt im Seminarraum des Bildungswerks der Bayerischen Wirtschaft (bbw), einem der Träger, die die Integrations- und Sprachkurse des Bamf ausrichten. Wie die anderen Teilnehmer verfolgt er den Kurs als Videokonferenz.
Seit April finden die Berufssprachkurse, die das bbw ausrichtet, nur noch in dieser Form statt. Die Seminarräume stehen seit Ausbruch der Pandemie leer – wie bei den anderen Trägern auch. Doch viele Teilnehmer können es sich nicht leisten, Zeit zu verlieren. Sie brauchen die Kurse zur Prüfungsvorbereitung. Deshalb sind sie dankbar für die virtuelle Alternative. Wer keinen eigenen Computer besitzt, konnte sich vom bbw einen Laptop dafür leihen.
„In den Online-Kursen stecken vielleicht auch Chancen, die wir bisher nicht gesehen haben“, sagt der Bamf-Chef, nachdem er die Unterrichtsstunde verfolgt hat. Auf eine dieser Chancen macht ihn Joshi Iyoti aufmerksam. Sie ist 42, arbeitete zehn Jahre lang als Dozentin an Universitäten in ihrer Heimat Indien und möchte nun in Bayern Fuß fassen. „Mein nächstes Ziel ist die Prüfung für das C1-Niveau“, erklärt sie Sommer in der Videokonferenz. „Aber ich habe kleine Kinder zu Hause, für den Weg zum Kurs brauche ich eine Stunde. Sehen Sie eine Chance, dass die Kurse künftig auch an manchen Tagen online stattfinden?“ Sommer macht ihr Hoffnung. „Ich denke schon. Wir sehen ja, dass es funktioniert und für einige Teilnehmer sogar sinnvoll sein kann.“ Besonders im ländlichen Raum, wo Teilnehmer manchmal warten müssten, bis ein Kurs zusammenkomme, könnten virtuelle Klassenzimmer eine Chance sein. Komplette Online-Seminare werde es nach Corona wohl nicht geben, betont Sommer. Denkbar sei eher eine Kombination von Online- und Präsenzunterricht.
Seit Juli bekommen die Träger pro 100-Stunden-Einheit 1500 Euro Pandemiezulage vom Bamf. Die bbw werde das Geld in Laptops oder Beamer investieren, sagt Hubert Schurkus, Vorstandsvorsitzender der bbw. Für die Seminarräume sei eine Schutz-Ausstattung nötig, denn ab kommender Woche werde es teilweise wieder Präsenzunterricht geben. Auch die Integrationskurse sollen dann langsam wieder anlaufen. Das sei besonders für Geflüchtete wichtig, betont Sommer. Denn für sie seien die Online-Angebote meist keine Alternative. „Alphabetisierungskurse oder Sprachkurse für Teilnehmer, die noch kaum Deutsch sprechen, können nur im Präsenzunterricht stattfinden“, betont er.