Coburg/Berlin – Krauses Haar, dicke Lippen und ein Ring im Ohr: Ein „Mohr“ ziert in der oberfränkischen Stadt Coburg Gullydeckel, Fassaden und das Wappen. „Das Coburger Stadtwappen stellt ein verletzendes, rassistisches, kolonialistisches Stereotyp eines Schwarzen Menschen dar“, kritisiert eine Petition zur Änderung des Wappens. „Mit dem Wappenbild des Coburger Mohren würdigt und ehrt die Stadt seit nunmehr etwa 800 Jahren ihren Stadtpatron St. Mauritius“, widerspricht eine Gegenpetition.
Längst nicht nur in Coburg wird heftig über den „Mohren“ diskutiert. Aktivisten in Berlin fordern seit Jahren, die Mohrenstraße und den gleichnamigen U-Bahnhof umzubenennen. Nach dem gewaltsamen Tod des Schwarzen US-Amerikaners George Floyd Ende Mai plakatierten sie die Haltestelle mit seinem Namen und starteten eine Petition. Nun soll in einem offenen Verfahren diskutiert werden: Ist die Namensgebung von historischer Bedeutung? Oder ist der „Mohr“ eine Reduzierung auf ein diskriminierendes Klischee?
Selbst Wissenschaftler sind sich nicht einig – das fängt schon bei der Herkunft des Begriffs an. Das Deutsche Wörterbuch verweist auf das althochdeutsche Wort „Mor“, das aus dem Lateinischen kommt und für Schwarze aus Mauretanien sowie Nordafrika steht. Aus Sicht von Literaturwissenschaftlerin Susan Arndt gibt es aber noch eine griechische Bedeutung, die mit „dumm“ übersetzt werden kann. „Darüber wird heftig gestritten“, räumt sie ein. „Entscheidend ist für mich aber, dass der Begriff von Anfang an abwertend gebraucht wurde und zwar aus einer weißen christlichen Perspektive und diskriminierenden Intention heraus.“ Es sei schon immer eine Fremdbezeichnung gewesen, kritisiert auch Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. „Und es wird heute von der Mehrzahl der Schwarzen Menschen als diskriminierend wahrgenommen.“
Jeder Name habe seine eigene Entstehungsgeschichte und sei nicht pauschal rassistisch, sagt dagegen Hubertus Habel, Kulturwissenschaftler und ehemaliger Stadtheimatpfleger von Coburg. Die Stadt ehre mit dem Wappen den Heiligen Mauritius. „Mit Kolonialismus hat das überhaupt nichts zu tun, das ist eben vollkommen abwegig.“
In Köln erinnert die umstrittene Mohrenstraße an den Heiligen Gregorius Maurus, die „Mohrenapotheken“ gehen auf die Heilkunst in den heutigen Maghreb-Staaten zurück, das „Drei Mohren Hotel“ in Augsburg ist drei Mönchen gewidmet und der „Freisinger Mohr“ im Wappen des Papstes Benedikt XVI. ist eine Hommage an seine Zeit als Erzbischof von München und Freising – dort galt der „Mohr“ einst als Zeichen der Souveränität der Fürstbischöfe.
So unterschiedlich die Entstehungsgeschichte ist, so stereotyp ist meist die Darstellung: ein schwarzer Kopf mit dicken Lippen, wahlweise mit Ohrring, Turban oder Pluderhose – wie in Coburg. Dabei gibt es andere Stadtwappen, die auch den Heiligen Mauritius zeigen, aber nicht als „Mohr“; etwa Ebstorf, Lutter oder St. Moritz.
Es müsse ein Umdenken beginnen, fordert die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. In Berlin seien schon Kritiker und Befürworter des Straßennamens angehört worden, teilte der Bezirk Mitte mit. In Stuttgart setze sich eine Arbeitsgruppe „kritisch und ergebnisoffen mit dem Wappen auseinander“, so eine Sprecherin der Stadt.
Und in Coburg? Gibt es dort Überlegungen, das Stadtwappen zu ändern? „Nein“, erklärte ein Stadtsprecher. Es sei zwar wichtig, das Thema zu diskutieren. Als historisches Stadtwappen sei der „Coburger Mohr“ aber dafür nicht der richtige Anlass.