Zeitreise in einem Feldgedinger Bauernhaus

von Redaktion

ALTE SCHRIFTSTÜCKE UND IHRE GESCHICHTE Inge Bortenschlagers Uropa hat der Welt einige Andenken hinterlassen

Feldgeding – Wenn Inge Bortenschlager die Chance bekommen würde, in die Vergangenheit zu reisen, dann gäbe es einen Menschen, den sie unbedingt kennenlernen wollen würde: ihren Urgroßvater Korbinian Brummer. Er muss ein spannender Mensch gewesen sein, da ist sie sich sicher. Belege dafür gibt es jede Menge.

Bortenschlager hat vor einiger Zeit das 200 Jahre alte Bauernhaus ihrer Familie in Feldgeding (Kreis Dachau) ausgeräumt – und dabei Unmengen alter Schriftstücke gefunden. Natürlich nicht alle gleichermaßen faszinierend. Aber an einem vergilbtem Stück Papier blieb sie lange hängen. „Es war eine Liste, die mein Urgroßvater nach seiner Hochzeit im Jahr 1870 angefertigt hatte“, erzählt sie. Ordentlich hatte er alle Geldgeschenke mit Familiennamen aufgelistet – alle mit der Abkürzung „fl“ für Gulden. „Das hat man damals gemacht, um sich entsprechend revanchieren zu können“, erklärt Bortenschlager. Die 72-Jährige ist Heimatforscherin und deshalb nicht nur an ihrer eigenen Familiengeschichte interessiert.

Mit den Bauernhochzeiten von früher hat sie sich oft beschäftigt. „Sie fanden immer dienstags statt“, erzählt sie. „Das Brautpaar wurde morgens von der Blasmusik geweckt, dann gab es ein Weißwurstfrühstück und nach der Trauung dann das Essen.“ Für die Familie hat das Brautpaar bezahlt, von den anderen Gästen hat der Wirt ein Mahlgeld eingesammelt. Und natürlich gehörte auch das Brautstehlen zu einer echten Bauernhochzeit. „Da war mein Urgroßvater sicher dabei“, ist sie überzeugt. „Er war zweifelsfrei ein lustiger Mann.“

Weil er ein schwächliches Kind war und für die schwere Bauernarbeit nicht herangezogen werden konnte, durfte er eine Schneiderlehre absolvieren. Später schneiderte er die Hochzeitsanzüge vieler Burschen und war oft Trauzeuge – und oft Hochzeitslader. Bortenschlager hat sein altes Schnaderhüpferlbuch gefunden, mit dem er so manchen Hochzeitsgast derbleckt hatte. „Man merkte an dem Geschriebenen, dass er oft tief ins Glas geschaut hatte“, erzählt Bortenschlager. Korbinian Brummer ist lange vor ihrer Geburt im Mai 1911 an Altersschwäche gestorben. Aber er hat in dem alten Bauernhaus ein kleines Vermächtnis hinterlassen, das zumindest ein kleiner Ersatz für eine Zeitreisemaschine ist. KATRIN WOITSCH

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