„Quo vadis, Erzdiözese?“

von Redaktion

VON CLAUDIA MÖLLERS

München – Corona hat es offengelegt: Die Veränderungsprozesse in der katholischen Kirche beschleunigen sich. Die Austrittszahlen, die schon vor Ausbruch der Pandemie in die Höhe geschnellt sind, steigen weiter. 2019 lag das Erzbistum München und Freising mit 27 124 Austritten hier an der Spitze aller deutschen Bistümer. Mit der enormen Austrittswelle schwinden finanzielle Mittel für die Bistümer, gleichzeitig sinkt die Zahl der Seelsorger drastisch. Im Münchner Erzbistum konnten in diesem Jahr gerade einmal zwei Priester geweiht werden.

Die Erzdiözese braucht eine Strategie, wie sie sich für die Zukunft aufstellen will, hat der Münchner Kardinal Reinhard Marx erklärt (wir berichteten). Er hat seinen Generalvikar Christoph Klingan beauftragt, einen Strategieprozess zu entwickeln. Im Herbst soll es losgehen mit einem Dialogforum. Strategieprozess in Pandemiezeiten? Gar nicht so einfach. Denn Zusammenkünfte mit zahlreichen Menschen – noch dazu gehören im kirchlichen Bereich viele engagierte Menschen der älteren Risikogruppe an – sind in Corona-Zeiten nicht ohne Gefahr. Und Kirche will ja keinesfalls Auslöser eines Seuchen-Hotspots sein. Für Generalvikar Klingan eine schwierige Aufgabe, einen Gesprächsprozess auf die Beine zu stellen, der möglichst viel persönlichen Austausch bieten soll bei geringstmöglicher Gefahr.

Die Bistumsspitze hält sich mit Aussagen zum Strategieprozess zunächst zurück. Auf einer Klausurtagung mit etwa 20 Teilnehmern im großen Saal der Katholischen Akademie in der Münchner Mandlstraße war der Prozess festgezurrt worden. Mit viel Platz, ständig frischer Luft und angemessenem Abstand sind die ersten Leitlinien aufgestellt worden. Kardinal Marx, der Generalvikar, die Amtschefin des Ordinariats, Stephanie Herrmann, der Bischofsrat, die Ordinariatskonferenz, Vertreter von Priester- und Diözesanrat waren dabei. „Wie entwickeln wir uns weiter? Was sind die Ziele unserer Arbeit? Welche Prioritäten setzen wir angesichts der merklich geringer werdenden Ressourcen in materieller und personeller Hinsicht in den kommenden Jahren? Wo und wie können wir heute unsere Sendung als Kirche am besten wahrnehmen?“ – das sind die Fragen, mit denen sich die Teilnehmer befassen sollen. Oder, wie es aus der Runde heißt: „Wie können wir unter diesen Bedingungen den Glauben an die Leute bringen?“ Klingan soll jetzt ein passendes Format für den Prozess entwickeln. Wie zu hören ist, sollen auch externe Berater hinzugezogen werden.

Dialog- und Gesprächsprozesse haben seit geraumer Zeit in der katholischen Kirche Konjunktur. Ein Zukunftsforum vor gut zehn Jahren im Erzbistum hat allerdings vornehmlich Frustration hinterlassen. Auch der „Dialogprozess“ auf deutscher Ebene zwischen 2010 und 2015 war eine herbe Enttäuschung. Derzeit steht dessen Nachfolge-Veranstaltung, der „Synodale Weg“, quasi noch in den Startblöcken. Doch bereits jetzt mehren sich die Zweifel am Erfolg.

Droht auch der Strategieprozess des Erzbistums als „Laberrunde“ zu enden? Diözesanratsvorsitzender Hans Tremmel, der alle genannten Dialogtreffen mehr oder weniger durchlitten hat, ist diesmal optimistisch. „Hier werden jetzt nicht die großen Themen wie Zölibat und Priesteramt der Frau diskutiert. Es geht konkret um die Themen der Erzdiözese.“ Es werde um eine Ziel- und Prioritätensetzung für die nächste Zeit gehen – mit größtmöglicher Transparenz und Partizipation. „Es wird am Schluss kein Parlament geben, das über bestimmte Ziele abstimmt.“ Man müsse sich die Lage genau ansehen – welche Folgen auf die Kirche durch Corona und die Kirchenaustritte zukommen. „Was können und wollen wir uns in Zukunft leisten?“, sei die Frage. Das sei eine andere Zielsetzung als beim „Synodalen Weg“, wo es um die großen theologischen Grundsatzfragen gehe.

Natürlich gebe es Schnittmengen und werde es auch hier und da Diskussionen zu den großen Themen geben – „aber wir werden das hier in der Erzdiözese nicht klären können. Wir müssen uns auf das fokussieren, was hier möglich ist“. Es müsse darüber gesprochen werden, wie Kirche die Menschen heute noch erreicht und in der Gesellschaft präsent ist. „Wir haben schon wichtige Themen, die wir in der Gesellschaft setzen wollen. Da geht es auch um politische Relevanz in einer profanen Gesellschaft.“ Wenn Kirche die Bedeutung nicht mehr habe, große Themen in der Gesellschaft anzustoßen, „dann machen wir uns selber gesellschaftlich überflüssig“. Innerkirchlich muss es vor allem um nachhaltige Motivation gehen, also um die Begeisterung für die Botschaft Jesu und um authentische Antworten auf die wirklichen Fragen der Menschen.

Bei engeren finanziellen Spielräumen müsse sicher auch manch Gewohntes auf den Prüfstand gestellt werden, sagt Tremmel. Er kann sich sogar vorstellen, dass am Ende auch über die Umwidmung von kirchlichen Gebäuden gesprochen werden kann. Er hatte sich im Februar im Bistum Essen Kirchen angesehen, die profaniert – also einer weltlichen Aufgabe zugeführt – wurden. „Da war in einer ehemaligen Kirche die Hilfsorganisation Tafel untergebracht, die mit ehrenamtlichem Engagement richtig gut läuft.“ Das sei nicht die schlechteste Lösung, wenn man in einer früheren Kirche karitative Angebote ansiedelt. Schließlich gehöre auch das zum kirchlichen Grundauftrag. „Da muss man mit Fantasie, Kreativität und Freiheit rangehen“, so Tremmel. „Man muss offen in diesen Prozess gehen, sonst können wir uns das sparen.“

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