München – Am 15. Juli 1945 kam an der Kaulbachstraße 65 in München eine kleine Gruppe Menschen zusammen. Sie hatten mehr gemeinsam als ihre jüdische Herkunft. Alle waren Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde in München, bevor die 1941 von den Nationalsozialisten aufgelöst wurde. Sie alle hatten die vergangenen Monate in Zwangsarbeit oder in Ghettos verbracht – und überlebt. An jenem Abend heute vor 75 Jahren kamen sie zusammen, um gemeinsam einen Neuanfang für das jüdische Leben in München zu starten.
Das Protokoll führte an diesem Abend Fritz Neuland, der Vater der heutigen IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch. Sie war damals ein junges Mädchen. Heute, 75 Jahre später, erinnert sie sich noch voller Bewunderung an diesen für die Juden in Bayern so wichtigen Abend zurück. „Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass jüdisches Leben wieder ins Herz dieser Stadt zurückkehren würde“, sagt sie. „Heute haben wir erlebt, dass genau das Realität geworden ist.“
Den Jahrestag der Wiedergründung wird die Israelitische Kultusgemeinde wegen der Pandemie nicht feiern. Das Jahr 1945 sei jedoch ohnehin nicht der entscheidende Bezugspunkt, betont Knobloch. Denn gegründet wurde die IKG 1815. „Nach Kriegsende wurde sie lediglich wiederhergestellt.“
Das allerdings war ein großer Schritt – und in gewisser Weise auch eine Enttäuschung für die Münchner Juden, erklärt Ellen Presser, die Leiterin des Kulturzentrums. „Sie dachten, mit der Wiedergründung würden auch ihre Freunde und ehemaligen Geschäftspartner aus dem Ausland zurückkommen.“ Das passierte nicht – doch die IKG wuchs trotzdem innerhalb weniger Jahre wieder. Dank der Holocaustüberlebenden aus Osteuropa, die in den Jahren nach dem Krieg durch Bayern zogen. „München war damals ein Zentrum. Dort waren alle Konsulate, dort gab es Suchlisten vom Roten Kreuz“, erklärt Presser. Und viele Juden blieben.
Dass die IKG nur wenige Wochen nach dem Kriegsende neugegründet war, überrascht Presser nicht. „Jüdische Menschen haben nie lange gewartet, dass jemand etwas für sie tut. Es war für sie selbstverständlich, sich selbst zu helfen.“ Die Wiedergründer waren deutsche Juden, die München gut kannten und in der deutschen Kultur zu Hause waren, betont Presser. „Sie wollten ein zerrissenes Band wieder knüpfen.“ Und das so schnell wie möglich.
Das jüdische Leben in Bayern war in den ersten Jahrzehnten vor allem durch die Holocaust-Überlebenden geprägt. Nach der Wiedervereinigung schlossen sich viele Juden aus der ehemaligen UdSSR der IKG an. Heute hat sie 9500 Mitglieder. Die Größe reiche fast wieder an die der Zeit vor 1933 heran, betont Knobloch. München ist heute nach Berlin die Stadt in Deutschland, in der die meisten Juden leben. Doch die Probleme von damals sind auch nach mehr als sieben Jahrzehnten noch nicht überwunden, betont die IKG-Präsidentin. „Der Judenhass, dem schon die Überlebenden hier in München die Stirn geboten haben, wächst seit Jahren wieder.“
Der letzte Vorfall liegt erst wenige Tage zurück. Ein Rabbiner war am Donnerstagabend aus einer Münchner Straßenbahn gestiegen, als er von vier jungen Männern verfolgt wurde. Der Polizei schilderte er, sie hätten sich wiederholt abfällig über den Staat Israel ausgesprochen und ihn beleidigt. Er vermutete, die Kippa, die er getragen hatte, könne der Grund für die Beleidigungen gewesen sein. Vorfälle wie diese trüben die Freude der IKG-Mitglieder über das Jubiläum. Charlotte Knobloch sagt: „Wenn Gemeindemitglieder sich heute nicht als jüdisch zu erkennen geben wollen und Rabbiner unserer Gemeinde auf offener Straße beleidigt werden, ist es bis zur Normalität noch ein weiter Weg.“
Auch Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) ging in einem Brief an die IKG, in dem sie zum Jubiläum gratulierte, auf den Vorfall ein. Antisemitismus sei ein uraltes Problem. „Aber unser Land hat eine besondere Verantwortung gegenüber unseren jüdischen Bürgern“, schreibt sie. „Die Hoffnungen und das Vertrauen der Überlebenden, die vor 75 Jahren die IKG neugründeten, sind eine Verpflichtung, Freiheit und Demokratie gegen Angriffe aller Art zu verteidigen.“