„Es war furchtbar dumm“

von Redaktion

VON NINA GUT

München – Die sechs Angeklagten betreten den Gerichtssaal mit Masken. Dann setzen sie sich alle an Einzeltische, die die Justiz mit deutlichem Abstand zueinander aufgestellt hat. Auch zwischen den Zuschauern sind jeweils fast zwei Meter Platz. Und zwischen den Richtern stehen Plexiglasscheiben. Der Prozess gegen die fünf Männer und eine Frau, die in der Region mehrere Geldautomaten gesprengt haben sollen, wurde sogar eigens in den Justizpalast verlegt, um Abstand zu schaffen.

Die Bande war 2018 monatelang in vielen Landkreisen rund um München unterwegs und sprengte Geldautomaten in die Luft. Dabei gingen die Täter immer nach demselben Muster vor: Sie leiteten Gas in die Geräte und ließen sie explodieren. Mehr als eine halbe Million Euro erbeuteten sie. Die Polizei kam den Unbekannten immer dichter auf die Spur. Bis es am 17. Oktober 2018 in der Nacht um halb drei zum Showdown in Germering (Kreis Fürstenfeldbruck) kam. In einer wilden Schießerei stellte ein Spezialeinsatzkommando einen der Haupttäter beim Fluchtversuch. Nun sitzen sechs mutmaßliche Mitglieder der Panzerknacker-Bande vor dem Landgericht München I.

Die fünf Männer und eine Frau im Alter von 22 bis 48 Jahren sind niederländische Staatsangehörige, einer von ihnen hat auch die marokkanische, ein weiterer auch die türkische Staatsangehörigkeit. Ihnen wird unter anderem die Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion, schwerer Bandendiebstahl und Sachbeschädigung vorgeworfen. Zwei Komplizen wurden bereits verurteilt, gegen weitere wird noch ermittelt.

Laut Anklage der Staatsanwaltschaft hatte die spektakuläre Spreng-Serie am 25. April 2018 begonnen. Kurz nach Mitternacht ließen Mitglieder der Bande in Ottobrunn (Kreis München) einen Geldautomaten explodieren und stahlen 350 000 Euro. Allein der Sachschaden betrug noch einmal 80 000 Euro. Denn durch die Wucht der Explosion wurde der Vorraum der Bank verwüstet und das Gebäude beschädigt. Einen Tag später flog ein Automat in Grünwald (Kreis München) in die Luft. Die Beute betrug 173 000 Euro, der Sachschaden 30 000 Euro. Weitere Sprengungen in München, Ottobrunn und Monheim am Rhein misslangen.

Am 17. Oktober schnappte die Falle dann zu. Laut Anklage fuhren der 28-jährige Angeklagte Marwan El K. sowie Ali H. – gegen den ebenfalls ermittelt wird, der aber noch nicht angeklagt wurde – mit einem in Rotterdam gestohlenen Audi vor einer Bank in Germering vor. Sie gingen hinein und trafen dort die Vorkehrungen für eine Sprengung: Sie hebelten das Bedienfeld des Geldautomaten auf, um Gas einzuleiten. In diesem Moment griff das SEK zu. Als die Täter die Polizisten kommen sahen, ergriffen sie die Flucht. Ali H. floh zu Fuß. Marwan El K. sprang jedoch ins Fluchtauto, das die Polizei von hinten und von vorne mit zwei Polizeifahrzeugen eingekeilt hatte. Was folgte, war ein laut Staatsanwaltschaft „bedenkenloser Fluchtversuch“, der „sämtliche Personen- und Sachschäden“ in Kauf nahm. El K. fuhr mit Vollgas immer wieder vor und zurück, um sich so aus der Blockade zu befreien. Einige Beamte konnten sich nur noch mit Sprüngen in Sicherheit bringen.

Ein Polizist versuchte derweil, mit dem Ellbogen und der Faust die Fensterscheibe des Flüchtenden einzuschlagen. Dabei brach er sich jedoch einen Mittelhandknochen des kleinen Fingers und musste operiert werden. Außerdem fuhr El K. bei seinen wilden Fahrmanövern einem Beamten über den Fuß. Schließlich gelang es dem Angeklagten, sich aus der Klemme zu befreien und über den Gehweg zu rasen. Mehrere Polizisten schossen auf das Fluchtauto. Der Fahrer ließ sich davon nicht bremsen. Dann aber stieß er mit einem SEK-Fahrzeug zusammen und verkeilte sich zwischen Pflanzkübeln, einem Lichtmast und dem Polizeiauto. Bei der Kollision wurden zwei SEK-Autos zusammengeschoben – und ein Beamter dazwischen eingeklemmt. Er verletzte sich schwer am Bein. Das Resultat der gescheiterten Flucht: Drei von zwölf SEK-Beamten wurden verletzt, fünf von sechs Fahrzeugen beschädigt und 30 Kugeln verschossen. Marwan El K. erlitt einen Durch- und einen Steckschuss im linken Arm. Er wurde festgenommen. Tatkomplizen des 28-Jährigen wurden kurze Zeit später in einer im Landkreis Starnberg angemieteten Airbnb-Wohnung aufgegriffen. Der geflüchtete Ali H. soll derweil mit weiteren Komplizen am 22. Oktober noch einmal in Starnberg zugeschlagen haben. Die Täter versuchten erneut, einen Geldautomaten zu öffnen – erst mit Hammerschlägen, dann mit Gas. Doch der schwer gesicherte Automat hielt stand.

Als erster Angeklagter sagte gestern der 26-jährige Oruc G. aus. Er gestand, Autos für die Bande gemietet und als Fahrer fungiert zu haben. Er habe Schulden gehabt. „Deshalb habe ich die Sachen, die mir angeboten wurden, ausgeführt.“ Dafür habe er jeweils 500 Euro bekommen. „Es war furchtbar dumm, was ich gemacht habe. Ich möchte mich entschuldigen.“ Es sind 16 weitere Prozesstage geplant. Das Urteil soll im September fallen.

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