München – Bernd Adleff dieser Tage wütend zu nennen, ist fast eine Untertreibung. „Sie kennt alle Fakten und trotzdem behauptet sie das Gegenteil“, schimpft er ins Telefon. „Das empfinde ich als höchst unredlich.“ „Sie“ – das ist Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), die vor einigen Tagen verkündete, das Kükentöten in Deutschland 2021 gesetzlich zu verbieten. Adleff ist der Vorsitzende des Landesverbandes der Bayerischen Geflügelwirtschaft und damit Vertreter der Branche, der die Ministerin vorwirft, bestehende Alternativen nicht zu nutzen, um das Kükentöten zu beenden. „Wir werden zu Unrecht an den Pranger gestellt“, sagt Adleff.
Jährlich werden 45 Millionen Küken in Deutschland kurz nach Schlüpfen getötet. Die männlichen Tiere aus den aufs Eierlegen getrimmten Rassen taugen nicht als Masthähnchen, weil sie zu wenig Fleisch ansetzen. Ihre Aufzucht ist für die Betriebe unrentabel, deshalb werden sie vergast. 2019 hat das Bundesverwaltungsgericht dieser Praxis noch eine Übergangsfrist eingeräumt, bis den Brütereien serienreife Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Hühnerei zur Verfügung stehen. Ziel dieser Verfahren ist es, die männlichen Küken bereits im Ei zu identifizieren, dann nicht weiter auszubrüten, sondern gleich zu verarbeiten, etwa zu Tierfutter.
Die Forschung verfolgt hier mehrere Ansätze. Wissenschaftlern aus Dresden und Leipzig ist es gelungen, mithilfe der Nah-Infrarot-Raman-Spektroskopie das Geschlecht der Tiere bereits 72 Stunden nach dem Legen zu bestimmen. In München setzen Wissenschaftler der TU München auf die Kernspintomographie (MRT). Vorteil hier ist, dass das Ei zur Geschlechtsbestimmung nicht geöffnet werden muss. Am weitesten fortgeschritten und auch schon im Einsatz ist das endokrinologische Verfahren, das in Leipzig entwickelt wurde. Dabei wird nach neun Tagen im Brutschrank aus dem Ei mit einer feinen Nadel Flüssigkeit entnommen und dann einer Hormonbestimmung unterzogen. Bei Rewe sind seit 2018 Eier, die nach dieser Methode getestet wurden, unter dem Namen „Respeggt“ erhältlich. Das Sechser-Pack kostet zehn Cent mehr als konventionelle Eier.
„Das große Problem dabei ist“, sagt Adleff, „dass all diese Methoden noch nicht für die Massenproduktion taugen.“ Der Verbandschef fordert deshalb zum einen mehr Gelder für die Forschung, zum anderen eine längere Übergangsfrist. „Sobald die Verfahren ausgereift und wirtschaftlich sinnvoll sind, werden wir sie einsetzen.“
Doch nicht nur aus der Politik, auch aus dem Handel nimmt der Druck auf die Branche zu. Nach Rewe und Aldi hat jetzt auch die Schwarz-Gruppe (Kaufland und Lidl) angekündigt, ihr Eier-Sortiment sukzessive bis 2022 umzubauen und auf das Kükentöten zu verzichten. Erreicht werden soll das dank technischer Verfahren, aber auch mithilfe sogenannter Bruderhahn-Projekte. Dabei werden die männlichen Küken aus der Legehennenzucht aufgezogen und später als Suppenhuhn verkauft. Die Kosten für die Aufzucht werden durch einen höheren Eierpreis – im Schnitt vier Cent pro Ei – gedeckt.
Bei Tierschützern und Bioverbänden jedoch stoßen sowohl die technischen Methoden als auch die Bruderhahn-Initiativen auf wenig Gegenliebe. Beide Lösungen förderten weiterhin die Zucht von Hochleistungsrassen bei den Legehennen, so die Kritik. Auf langfristige Sicht plädieren die Verbände deshalb für das Zweinutzungshuhn, also Rassen, bei denen die Hennen für das Eierlegen und die Hähne für die Fleischproduktion genutzt werden.
„Leichter gesagt als getan“, sagt Eggert Schmidt von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. 2016 hat der Professor für Tierzucht einen groß angelegten Versuch mit Zweinutzungshühnern unternommen. „Das Resultat war zweischneidig“, sagt er. Zwar hätten die Tiere bei Legeleistung und Mast grundsätzlich ordentliche Ergebnisse erzielt. Doch es gab Abstriche bei der Größe der gelegten Eier und bei der Mastdauer der männlichen Tiere. Diese war doppelt so lang wie beim üblichen Masthähnchen. „Im Vergleich verbrauchen Zweinutzungshühner sehr viel mehr Ressourcen wie Futter und Trinkwasser“, sagt Schmidt. Es sei eine Herausforderung für die Zucht, diese Merkmale künftig zu verbessern. „Das aber“, sagt Schmidt, „wird noch Jahre dauern.“