„Es gibt ständig neue digitale Barrieren“

von Redaktion

100 JAHRE BLINDENBUND Vorsitzende Judith Faltl spricht über Hürden trotz neuer Technik

München – Der Verband der Blinden und Sehbehinderten in Bayern feiert heute sein 100-jähriges Bestehen. Durch den technischen Fortschritt ist seit 1920 für Blinde vieles leichter geworden, berichtet die Landesvorsitzende Judith Faltl. Aber manchmal kommen durch die Technik auch neue Hürden hinzu.

Seit 100 Jahren gibt es den Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund. Wie war die Situation für Blinde bei der Gründung?

Sie war schwierig. Teilweise haben sie zwar gearbeitet – in der Landwirtschaft, als Handwerker oder Musiker. Einige mussten auch betteln. Doch selbst für die Menschen, die eine gewisse Bildung hatten und ein Handwerk erlernt haben, hat das Einkommen nicht ausgereicht, um selbstständig leben zu können, eine Wohnung zu mieten und eine Familie zu gründen. Viele lebten damals in sogenannten Anstalten und waren auf Almosen oder Hilfe von karitativen Vereinen angewiesen.

Wie hat der Verband den Alltag für Blinde damals verbessert?

Zusammengeschlossen hatten sich einige Blinde bereits, vor allem in den Städten. So war es für sie einfacher, ihre Bürsten oder Körbe zu verkaufen, sie konnten manchmal sogar zusammen einen kleinen Laden anmieten. Das hat Schule gemacht. Als 1920 der Landesverband gegründet wurde, sind die kleinen Gruppierungen nach und nach beigetreten.

Das Thema Arbeit ist bis heute einer ihrer Schwerpunkte. Für welche Erleichterungen kämpfen Sie?

Früher hat man noch ein Recht auf Arbeit gefordert. Das wird Blinden heute natürlich nicht mehr abgesprochen. Hürden gibt es aber nach wie vor. Trotz der technischen Entwicklung. Sie hat zwar vieles einfacher gemacht, führt aber auch immer wieder zu neuen Problemen. Durch Updates oder neue Software-Versionen sind manchmal Barrieren plötzlich wieder da, die bereits aus dem Weg geräumt waren. Dann muss unsere Technik erst mal wieder auf diese neuen Standards angepasst werden. Wir sind deswegen immer hinterher.

Haben Sie ein Beispiel?

Das Thema Online-Banking. Das ist sehr sensibel, schließlich möchte jeder seine Bankgeschäfte allein erledigen. Mit der App, die meine Bank nutzt, funktioniert das, sie kann mir alles vorlesen. Allerdings soll jetzt eine neue App eingeführt werden – und die kann das nicht mehr. Für mich würde das bedeuten, dass ich wieder für alles zum Bankschalter gehen muss.

Das heißt, wie selbstbestimmt Blinde ihr Leben führen können, hängt auch von zufälligen Begebenheiten ab?

Es ist oft gar kein böser Wille, aber leider werden blinde und sehbehinderte Menschen noch oft vergessen. Im öffentlichen Bereich ist die digitale Barrierefreiheit bereits sehr gut umgesetzt, in der Privatwirtschaft aber noch nicht. So entstehen immer wieder technische Hürden – wenn auch unbeabsichtigt.

In welchen Bereichen müsste auch digital noch nachgebessert werden?

Die öffentlichen Stellen haben ihre Internetseiten für Blinde in der Regel gut gestaltet. Sobald es aber um Interaktionen geht, also wenn man etwas ausfüllen oder anklicken muss, wird es schon schwierig. Zum Beispiel in Online-Shops. Auch die Fahrplanauskunft funktioniert bei einigen regionalen Anbietern noch sehr schwer für uns Blinde – zum Beispiel weil Bilder keine Beschriftung haben, die der Computer vorlesen könnte.

Das klingt nicht so, als ob das barrierefreie Bayern, das der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer bis 2023 versprochen hat, in greifbarer Nähe ist.

Der Staat wird natürlich vieles schaffen, aber er hat auch nicht auf alles Einfluss. Die Bahnhöfe zum Beispiel sind das Hoheitsgebiet der Bahn, der Staat müsste schon dafür bezahlen, alle barrierefrei zu machen. Bisher ist das erst bei 60 Prozent der Bahnhöfe gelungen.

In welchen Lebensbereichen gibt es aktuell die größten Defizite, was Barrierefreiheit betrifft?

Was für einen Rollstuhlfahrer die Treppe ist, ist für uns die digitale Barriere. Die Privatwirtschaft muss dazu verpflichtet werden, sonst geht nichts voran. Das sieht man gut am Thema Homeschooling. Das klappt schon für Sehende nicht immer, weil die Verbindung schlecht ist oder Material und Software fehlen. Blinde Kinder haben zu Hause nicht mal ihre Schulbegleiter, die ihnen helfen.

Wie hat Corona den Alltag für Blinde erschwert?

Überall stehen neue Abstandshinweise oder Schilder, die wir nicht sehen können. Die Hemmungen, Menschen anzusprechen und um Hilfe zu bitten, sind größer als sonst. Auch wir Blinde wollen ja Abstand halten – aber eben auch nicht in Menschenmengen laufen. Und wer auf eine Assistenz angewiesen ist, kann sowieso unmöglich Abstand halten.

Was ist für Blinde 2020 ohne Hilfe noch immer unmöglich?

Eigentlich alles, was neu ist. Ohne menschliche Assistenz können wir neue Dinge nicht bewältigen. Egal wie gut die Technik noch wird, sie wird uns nie sagen können, wo in einem neuen Supermarkt das Obst ist. Es gibt so vielfältige Lebens- und Alltagssituationen, kein System könnte auf alles vorbereitet sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für uns irgendwann ohne menschliche Assistenz gehen würde. Aber das Leben wäre auch ärmer, wenn wir nur noch durch Technik unterstützt werden würden.

Interview: Katrin Woitsch

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