München – Die Badesaison ist eröffnet – und damit haben bestimmte Mythen wieder Hochkonjunktur: Darf man mit vollem Magen schwimmen gehen? Kann der Sprung ins kühle Nass einen Herzstillstand verursachen? Und schützt Wasser wirklich vor Sonnenbrand? Unsere Experten-Antworten.
Mythos 1: Mit vollem Magen ins Wasser zu gehen, ist gefährlich.
Da ist in der Tat was dran. „Wenn wir gerade anfangen zu verdauen, kann viel Blut im Bauch gebraucht werden – dies kann an den Armen und Beinen theoretisch fehlen“, sagt Professor Jörg Schelling, der Arzt in einer Gemeinschaftspraxis in Martinsried ist. Aber: „Praktisch ist es kein Problem, im flachen Wasser zu planschen. Nur bitte keine längeren Schwimmtouren gleich nach der Mahlzeit!“ Auch die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) rät davon ab, mit vollem Magen richtig loszulegen. Allerdings: Wer gar nichts gegessen hat, dem fehle wiederum oft die nötige Energie – was im Wasser fast noch gefährlicher werden kann.
Mythos 2: Das Herz bleibt beim Sprung ins kalte Wasser stehen.
Das kann tatsächlich passieren, und zwar „bei stark vorgeschädigtem Herzen, großer Hitze – und sehr kaltem Wasser“, warnt Schelling. „Wir denken an Kaiser Barbarossa auf dem Kreuzzug…“ Insofern sollten Herzkranke nicht zu plötzlich in einen Gebirgsbach springen. „Lieber langsam hineinschreiten.“ Ähnlich äußert sich Professor Martin Halle, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin an der TU München, in einem Interview: Bei einem Sprung ins kalte Wasser würden sich die Gefäße zusammenziehen und das Blut auf einmal zum Herzen pumpen. „Dies belastet die rechte Herzkammer stark und kann bei Menschen mit unerkannten Herzerkrankungen – auch bei Kindern – zu Rhythmusstörungen führen.“ Auch wenn ein Herzstillstand sehr selten ist, kann ein Kälteschock Probleme mit dem Kreislauf verursachen.
Mythos 3: Ertrinkende rudern wild mit den Armen und schreien.
Leider nein. „Viele Menschen ertrinken stumm – und vor allem Kinder gehen oft einfach unter“, sagt Schelling. „Insofern hilft es nicht, auf einen Schrei zu warten, sondern man sollte immer gut aufeinander aufpassen.“ Zur Erklärung: Wer ertrinkt, wird meist erst mal bewusstlos – und dabei gerät der Kopf in der Regel unter Wasser, die Stimmbänder verkrampfen sich. Oder: Es gelangt Wasser in die Lunge, was auch zum Tode führen kann.
Mythos 4: Die meisten Menschen ertrinken am Meer, nicht in Seen.
Das stimmt nicht. „Die meisten Todesfälle passieren in der scheinbar sicheren und vertrauten Umgebung der Badeseen und noch mehr in den Flüssen mit Strömungen und Wehren mit teilweise starker Strudelbildung“, erklärt Schelling. Die DLRG weist darauf hin, dass es in Binnengewässern selten bis nie Rettungsschwimmer gibt. Vor allem mit Kindern sollte man daher darauf achten, überwachte Bademöglichkeiten aufzusuchen.
Mythos 5: Im Wasser bekommt man keinen Sonnenbrand.
Schön wär’s! „Da müsste man schon ständig tauchen“, sagt Schelling. Eher das Gegenteil ist nämlich der Fall: „Das abperlende Wasser auf der Haut kann sogar als Verstärker dienen. Deshalb auch vor dem Baden eincremen – und nicht nur danach!“ Die Kombination von Sonne und Wasser ist zudem gefährlich, weil man durch die kühlende Wirkung oft gar nicht merke, wenn die Haut verbrennt. Außerdem reflektiert Wasser auch UV-Strahlen.
Mythos 6: Viele Menschen können nicht schwimmen.
Das stimmt leider. Die Wasserwacht des Deutschen Roten Kreuzes warnt: „Wenn ein Kind mit neun oder zehn Jahren noch nicht sicher schwimmen kann, müssen die Eltern aktiv werden.“ Sprich: am besten ab zum Schwimmkurs. Aber: „Nicht alle Eltern können sich einen Schwimmkurs leisten – oder sie sind manchmal selber keine guten Schwimmer“, sagt Schelling. „Ein paar Schwimmzüge beherrschen, heißt nicht, dass man über eine längere Strecke oder bei starker Strömung schwimmen kann.“
Mythos 7: Riecht es im Schwimmbad nach Chlor, ist es sauber.
Nein. „Dann ist es nur voller Chlor“, sagt Prof. Schelling. „Chlor kann nicht alle Mikroorganismen sofort abtöten – und andere Schad- und Giftstoffe werden dadurch nicht beeinflusst.“ Aber: „Natürlich ist Chlor ein wirksames Mittel, um Bakterien in Schach zu halten.“ Übrigens: Gechlortes Wasser schützt auch nicht vor einer Corona-Infektion. „Die Chlorkonzentration in öffentlichen Bädern ist keinesfalls ausreichend, um das Virus zu neutralisieren“, sagt Professor Johannes Bogner, Infektiologe am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität.
Nach wie vor gelte: Wer sich effektiv schützen will, muss Abstand halten und eine Schutzmaske tragen. Gerade im Wasser ist diese Kombination aber natürlich schwer umzusetzen. Johannes Bogner rät deshalb in diesen Pandemie-Zeiten dazu, überfüllte Seen oder volle Bäder am besten zu meiden. BARBARA NAZAREWSKA