Böbing/München – Löst eine seiner Wildkameras aus, bekommt Werner Schubert aus Böbing im Kreis Weilheim-Schongau eine Nachricht auf sein Handy. „Ist es ein Wildschwein, breche ich sofort auf“, sagt der Jäger und Naturschutzwächter. Bevor er Wildkameras hatte, musste Schubert Nächte auf dem Hochsitz verbringen. „Da wird man kreuzlahm, da wäre ich heute aufgeschmissen“, sagt der 77-Jährige.
Auch seltene Tiere sind ihm schon vor die Linse gelaufen, etwa hübsche Hermeline. Ein Wolf noch nie, aber auch diese tappen immer häufiger in Fotofallen. Anfang Juli im Kreis Weilheim-Schongau, zuletzt im Kreis Garmisch-Partenkirchen. Aber dass diese Wölfe dort heimisch sind, glaubt Werner Schubert nicht. „Wölfe wandern bei uns nur durch, für die ist hier der Druck durch Erholungssuchende zu hoch“, ist er sich sicher.
Auch das zeigt sich durch die Aufnahmen der Wildkameras immer detaillierter. Werner Schubert, dessen Kameras an Wildwechseln fern der öffentliche Waldwege hängen, laufen immer wieder auch Schwammerlsucher vor die Linse. Deren Bilder löscht er aus datenschutzrechtlichen Gründen sofort.
Dafür, welche Auswirkung die Besuche von Menschen auf die Tiere des Waldes haben, interessiert sich Professor Manuel Steinbauer, der an der Universität Bayreuth Sportökologie lehrt. Er hat im vergangenen November entlang einer Loipe und an einer Mountainbike-Downhillstrecke am Ochsenkopf im Fichtelgebirge gezielt insgesamt elf Wildkameras aufgehängt. Zweimal haben die sogar einen Luchs fotografiert, nachts um 22 Uhr und frühmorgens um 3 Uhr. Zu Zeiten also, zu denen keine Freizeitsportler unterwegs sind. „Uns interessiert, wie die Tierwelt reagiert, wenn Menschen vorbeikommen“, erklärt der 36-Jährige. „Wir stellen fest, dass die meisten Tiere sehr scheu reagieren und erst mal in der Deckung bleiben, nachdem Menschen vorbeikamen“, sagt Steinbauer.
Klar haben Erholungssuchende Einfluss auf Wald und Wild, sagt auch Werner Schubert. Der agile Rentner überwacht seit 25 Jahren als Naturschutzwächter den Flusslauf der Ammer im Pfaffenwinkel. In den vergangenen Tagen hatte er da einiges zu tun: „Zuletzt kamen Gruppen von Abiturienten mit Bierbänken, die wollten am Fluss feiern und grillen. Ich habe ihnen dann erklärt, dass Feuer allerhöchstens in einer Feuerschale erlaubt ist, aber das war nicht einfach“, erzählt er. Auch deshalb nicht, weil die Hinweisschilder auf die Regeln im Naturschutzgebiet immer wieder heruntergerissen werden, ärgert sich Schubert. Um das künftig zu verhindern und um das Gebiet am Ammerlauf und dem Schnalz-Panoramaweg besser überwachen zu können, will er jetzt dort Wildkameras aufhängen. Datenschutzrechtlich ist dabei viel zu beachten, aber die Genehmigung der Gemeinde habe er schon, sagt er.
Ein heikles Thema – im Kreis Ebersberg geriet 2017 ein Durchreisender fälschlicherweise unter Mordverdacht, weil er bei einer Pinkelpause in eine Fotofalle tappte. 2012 wurde einem österreichischen Politiker eine Wildkamera zum Verhängnis, die ein heimliches Treffen mit seiner Geliebten im Wald fotografierte.
Dass die Zahl der Kameras in den Wäldern immer mehr zunehme, macht den bayerischen Datenschutzbeauftragten Thomas Petri Sorgen. Nach seiner Ansicht müsse auch bei Kameras an entlegenen Stellen auf die Geräte hingewiesen werden. Solche Schilder aber sind selten. „Kein Wunder, wenn da ein Schild hängt, dann ist sofort die Kamera zerstört oder geklaut“, sagt Jäger und Naturschützer Werner Schubert.
Das Bayerische Landesamt für Umwelt beschildert seine Kameras, die es beispielsweise an Grünbrücken an Autobahnen installiert, um zu sehen, ob und von welchen Tieren diese genutzt werden. Auch für die Beobachtung von Luchsen oder zur zeitweisen Überwachung von Brutplätzen seltener Wiesenbrüter setzt er auf Wildkameras. VON SUSANNE SASSE