Wallgau – „Das wird knapp“, sagt Ingmar Wellach. Der 53-Jährige steht als viertes Auto nach der weiß-roten Absperrung im Stau. Er hat Zeitdruck. „Wir müssen das Auto eigentlich um 18 Uhr an der Adria zurückgeben.“ Zuvor ist die Familie von Hamburg aus nach München gekommen. Am Samstag wäre es weiter nach Italien gegangen – mit Abkürzung über die B 11 durch Wallgau im Kreis Garmisch-Partenkirchen. „Wir dachten, das wäre eine schöne Strecke“, sagt Wellach. „Von der Demo wussten wir leider nichts.“ Nun wurde die Familie ausgebremst. So wie hunderte andere Autofahrer, die am Samstag vor Wallgau im Stau standen.
Dieser Stau war gewollt. Die Wallgauer wollen die Urlauber ausbremsen, die auf dem Weg nach Innsbruck oder an den Gardasee die Abkürzung durch Wallgau nehmen. Katharina Zunterer spricht an diesem Samstag in die Mikrofone vieler Reporter. Erklärt ausgiebig, warum das kleine idyllische Tourismusdorf Wallgau sich gegen die Verkehrsmassen auflehnt. Hätte ihr das jemand vor wenigen Wochen gesagt, hätte sie ihm womöglich den Vogel gezeigt, meint sie. Zunterer wurde unverhofft zum Gesicht einer Bewegung, die mit der Demo „Ausbremst is!“ nun so richtig Fahrt aufnimmt.
Derweil will die 34-jährige Wallgauerin eigentlich genau das Gegenteil: Ruhe. Weil es die im Isartal aufgrund der Blechkolonnen, die sich jedes Wochenende mit zigtausenden Autos durch das Dorf schieben, nicht mehr gibt. Zunterer wollte deshalb ein Zeichen setzen. Sie rief zur Demo auf. Hoffte auf viele andere, die das Chaos ebenfalls satt haben. Natürlich kündigten sich Mitstreiter an.
Unter anderem die mittlerweile recht bekannte Radinitiative Garmisch-Partenkirchen, mit der sie Gleichgesinnte fand. Der Urlauber Wellach hat Verständnis für die Aktion. „Ich bin selbst Fahrradfahrer“, erklärt er. Im Herbst will er von Hamburg bis nach Garmisch-Partenkirchen radeln.
Dass am Samstag gleich so viele zur Demo kamen, verblüffte Zunterer enorm. Eigentlich wollte sie nur auf die verheerenden Verkehrszustände in ihrem Wohnort hinweisen, um ein Umdenken bei den Autofahrern anzustoßen. Doch nun macht ihr Hilferuf bundesweit Schlagzeilen.
Mit 350 anderen Leidensgenossen blockierte sie am Samstag – ausgerechnet zu Beginn der Sommerferien – von 11 Uhr bis 12 Uhr die Bundesstraße 11 durch Wallgau. Im Stau stand unter anderem Johannes Koser aus München. „Wir wollten nach Mittenwald, um spazieren zu gehen und danach in die Partnachklamm.“ Er hat nur bedingt Verständnis für die Aktion: „Man lebt hier doch vom Tourismus? Dann kann man die Touristen doch nicht aussperren.“ Michael Rieger, ebenfalls aus München, ist sogar sehr verärgert. „Ich habe absolut kein Verständnis für die Aktion“, sagt er.
Gegen 10.45 Uhr steht Zunterer im Dirndl am Ortsrand von Wallgau. „Bichl“, nennen die Einheimischen den Ort, der an der Bundesstraße 11 liegt. Noch haben sich mehr Journalisten und Polizisten als Demonstranten eingefunden. „Ich hoffe, es kommen noch ein paar“, sagt sie. Auch Gemeinderäte finden sich ein, wie der CSU-Ortsvorsitzender Bernhard Neuner, Vizebürgermeister Bernhard Wilde (Wählerverein) und Hans Baur (Junge Mitarbeiter). Sie sind fraktionsübergreifend gekommen. „Hier geht es nicht mehr um Politik“, sagt Neuner.
Um fünf nach elf startet die Demo. Transparente werden hochgehalten. Der Stau an beiden Seiten der Gemeinde hält sich allerdings in Grenzen. Viele Durchreisende haben die Verkehrsmeldungen im Radio gehört und umfuhren Wallgau. So kam es bei Garmisch-Partenkirchen zu enormen Verkehrsbehinderungen. Dennoch: Einige Autofahrer verirren sich nach Wallgau – und stehen plötzlich vor einer Polizei-Absperrung. „Einige schimpften schon, dass sie überhaupt nicht verstehen können, warum sie jetzt im Stau stehen. Schließlich zahlen sie doch Steuern“, erzählt ein Polizist.
Doch das sind die Ausnahmefälle an diesem Tag. Aufregen tun sich die wenigsten. „Wir bekommen wahnsinnig viel positive Resonanz vom Straßenrand“, sagt Zunterer. Einheimische sitzen auf Bänken vor ihrem Haus und genießen die ungewöhnliche Ruhe an diesem Samstagmittag. „Normalerweise ist Motorenlärm zu hören. Es ist teils gefährlich, am Straßenrand zu gehen“, sagt Zunterer.
Mit im Demozug marschiert auch die ehemalige Biathletin Magdalena Neuner. Auch sie hat guten Grund, mit zu demonstrieren. „Mein Kind kommt bald in die Schule.“ Die Sicherheit auf dem Schulweg sei da natürlich das A und O. „Zudem wird unsere Natur hier sehr belastet. Wir müssen sie erhalten.“ Die Autolawinen würden alles andere als dazu beitragen.
Bürgermeister Bastian Eiter hatte eigentlich einen privaten Familienausflug an dem Tag geplant, sagte ihn aber ab, um zur Demo kommen zu können. Zunterer dankt ihm dafür: „Danke, dass Sie uns so geholfen haben.“ Im August und September sind vier weitere Demos in Grainau, Kochel, Murnau und Garmisch-Partenkirchen geplant.