Mamming – Absperrgitter riegeln am Montag das Gelände ab. Nur vereinzelt sind dort kleine Gruppen unterwegs, alles wirkt unaufgeregt. Mehrere Sicherheitskräfte sind vor Ort, gemeinsam mit der Polizei überwachen sie das Areal – 24 Stunden täglich. Denn fast 500 Personen stehen auf dem großen Gemüsehof in Mamming (Kreis Dingolfing-Landau) unter Quarantäne: In dem Betrieb haben sich 176 Erntehelfer mit dem Coronavirus infiziert (wir berichteten).
Der Betreiber soll sich nicht an sein Schutzkonzept gehalten haben. „Bewusste Verstöße gegen Hygienekonzepte“ beklagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gestern auf einer Pressekonferenz. Bei der Gurken-Ernte liegen die Arbeiter auf sogenannten Gurkenfliegern, um das Gemüse zu pflücken. Eigentlich sollen immer dieselben Leute in immer derselben Reihenfolge eingesetzt werden. Die Arbeiter waren in Gruppen eingeteilt, eine Vermischung sollte nicht stattfinden. Doch das hat so vermutlich nicht geklappt. Es sei schwierig nachzuvollziehen, ob zum Beispiel abends nicht doch Personen aus unterschiedlichen Gruppen zusammenkommen, sagte Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). „Da hat auch der Betreiber eine Verantwortung“, betonte sie.
Die Behörden hatten das Hygienekonzept des Betriebs kontrolliert. Nach Hinweisen, dass beim Transport der Arbeiter nicht immer die Maskenpflicht eingehalten wird, habe das Landratsamt Dingolfing-Landau auch darauf noch einmal aufmerksam gemacht, wie Sprecher Markus Allmannshofer betont. „Aber wir können natürlich nicht jeden Bus kontrollieren.“ Nach Bekanntwerden der ersten Corona-Fälle am Freitag habe man sofort reagiert.
Das betonte auch Söder. Er warnte vor Leichtsinn: „Corona kommt schleichend zurück, leider aber mit aller Macht“, sagte er. Söder kündigte schärfere Maßnahmen für Erntebetriebe an: Künftig sollen die Höfe in kürzeren Intervallen überprüft werden – Tag und Nacht, unangekündigt. Zudem gibt es Corona-Tests für alle Saisonarbeiter und den Betrieben drohen bei Hygiene-Verstößen höhere Bußgelder. 25 000 Euro werden fällig – fünfmal so viel wie bisher.
Das seien natürlich „gravierende Maßnahmen“, sagt Markus Drexler vom Bayerischen Bauernverband. Aber: „Auch die Landwirte haben ein großes Interesse, dass Ausbrüche verhindert werden“, betont er. „Unser oberstes Ziel ist, die Gesundheit der Mitarbeiter und die Lebensmittelversorgung zu gewährleisten.“ Auch der Bauernverband begrüße darum schnelle Schutzmaßnahmen.
Für Söder, der sich gerne als Corona-Krisenmanager profiliert, geht es bei dem Massenausbruch auch um sein politisches Image. Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann attestierte seinem Krisenmanagement bereits massive Kratzer: „Die im bundesweiten Vergleich weiterhin hohen Infektionszahlen und Sterberaten in Bayern passen nicht zum großspurigen und belehrenden Auftreten des Ministerpräsidenten gegenüber Amtskolleginnen und -kollegen“, sagte er. Kritik kam auch von der FDP-Landtagsabgeordneten Julika Standt: „Beim arroganten Umgang der bayerischen Staatsregierung mit dem Gesundheitsschutz von Erntehelfern war es nur eine Frage der Zeit, wann es wieder Corona-Herde in Bayern geben würde.“ Die SPD fordert zudem ein Kontrollkonzept. Die Regierung müsse die Unterkünfte der Arbeiter in den Blick nehmen: „Wir wissen, dass es besonders die Wohnverhältnisse sind, die eine Ausbreitung des Virus begünstigen“, sagte Landtagsabgeordnete Diana Stachowitz.
Mit den Corona-Fällen in Mamming ist Dingolfing-Landau derzeitig der Landkreis mit den meisten Corona-Ausbrüchen in Deutschland. 191,23 Fälle je 100 000 Einwohner gab es dort in den letzten sieben Tagen – eine Region mit mehr als 50 Neuinfektionen gilt laut der Definition des Robert Koch-Instituts als Risikogebiet. Trotzdem wird es in dem Kreis zunächst keinen Lockdown geben. Voraussetzung ist jedoch, dass die Infektionen lokal eingrenzbar seien, so Söder. Sonst müsse man „weitere Ausweitungen der Maßnahmen treffen“.
Allerdings hat der Corona-Ausbruch Folgen für die Reisemöglichkeiten der Bewohner. Die Regierung von Schleswig-Holstein stufte den Landkreis explizit als Risikogebiet ein. Urlauber müssen sich in eine 14-tägige Quarantäne begeben und sich beim dortigen Gesundheitsamt melden, wenn sie ins Bundesland einreisen wollen. Ausgenommen davon sind Menschen mit einem negativen Corona-Test, der nicht älter als 48 Stunden ist. (mit lby)