Steingaden – Geht Stofferl Well einkaufen, tut er das beim Hersteller vor Ort. Zumindest, wenn es um Musikinstrumente geht, die aus Bayern kommen. Die künftige Mitbesitzerin ist seine Ehefrau Beate – deshalb reist der 60-Jährige mit dem Auto an. Und nicht mit seiner alten BMW R 67/2, mit der man ihn aus seiner BR-Sendung „Strawanzen in Bayern“ kennt. Der Weg hat die beiden nach Steingaden im Landkreis Weilheim-Schongau geführt. Dort, wo Oberbayern endet und das Allgäu beginnt, arbeitet Andreas Nöß. Der Handzug-Instrumentenmachermeister hat Well eine Ziach gebaut. Von Hand, versteht sich.
Eine Ziach ist eine diatonische Harmonika, auch genannt „Steirische“. Das bayrische Volksmusikinstrument schlechthin. Nicht zu verwechseln mit einem Akkordeon. „Eigentlich kann ich gar nicht spielen. Aber ich tu’ halt immer so, dass die Leute glauben, ich kann’s“, sagt Well.
Das ist natürlich bodenlose Untertreibung. Der jüngste der Well-Brüder ist studierter Trompeter und Konzertharfenist – und Multi-Instrumentalist. Er spielt auch Dudelsack, Alphorn, Tuba oder Didgeridoo. Und entlockt ebenso einer Ziach schöne Melodien. Er singt sogar Gstanzl dazu. Bei seiner Strawanzen-Sendung ist das Instrument ständiger Begleiter. Beim Dreh einer Folge hat er den jungen Ziachbauer Nöß kennengelernt. Der 25-Jährige fiel ihm auf – nicht nur, weil der ein „netter Kerl“ ist – sondern auch Vollblutmusiker. „Wenn man ein Instrument von einem kauft, der selber Musik macht, ist das kein Fehler. So einer weiß, worauf es ankommt“, sagt Well.
Nöß hat sein Handwerk in der bekannten Ziachmanufaktur Öllerer in Freilassing gelernt – und als Landessieger abgeschlossen. Seit Herbst ist er selbstständig und hat sich eine kleine, feine Werkstatt in seinem Wohnhaus eingerichtet. Neben der Ziach spielt er Posaune und Gitarre – und das in diversen Formationen wie seiner Band Wamba Brass Club und der Tanzkapelle Schreiner-Buam.
Als die Wells in seine Werkstatt marschieren, ist die Auftragsarbeit bereits fertig. Ein eher filigranes Modell, ein Dreireiher: aus Ahornholz, das Griffbrett Nussbaum. Die Knöpfe sind aus Hirschhorn – wie Well es sich gewünscht hatte. 13 Bässe, normal sind zwölf. Und gestimmt in den Tonarten C-F-B. „Das ist sie also. Schön!“, sagt Well. Staunt und strahlt. „Gut schaut’s aus“, findet auch Beate Well. Ihr Mann nimmt das Instrument in die Hand, spielt ein paar Läufe. „Angenehmes Gewicht. Und kompakt im Klang. Schlicht, schlank – genauso, wie ich das haben wollte“, sagt er. Der Sound ist knackig, schiebt an – so wie vor 80 oder 100 Jahren die Harmonikas klangen.
Nöß will dem prominenten Kunden das Instrument demonstrieren: „Gib’s mir mal.“ Er zeigt ihm die Besonderheiten. Etwa die Tasten für die Halbtöne, dafür spielt er einen Boarischen an. „Da kann du den Wechselbass spielen“, sagt er. „Bin gespannt, ob ich die Halbtöne noch einmal brauch“, sagt Well. Nöß drauf, ganz valentinesk: „Aber du hättest’s, wennst’s brauchen tätest.“
Rund 100 bis 150 Stunden hat der junge Handwerksmeister dafür gebraucht: „So lang darf man eigentlich nicht brauchen“, betont er. Viel Tüftelei war dabei. Derzeit baut er erst sein Lieferantennetz in der Region auf. Es gab ein paar Wochen Verzögerungen von Teilen aus Italien, Corona-bedingt. Am Vortag hat er das Instrument noch gestimmt, heute morgen war Endkontrolle. Nöß freut sich drüber, das ist nicht zu übersehen: seine erste eigene, mit seinem Logo drauf. Noch dazu für einen besonderen Kunden.
Der Preis: im oberen vierstelligen Bereich. „Natürlich ist das Luxus – auch für mich. Aber ein Luxus, den man sich leisten muss“, sagt Well. „Außerdem gehört sie Beate und mir gemeinsam.“ Die 41-Jährige erklärt: „Ich lerne es gerade.“ Als Tontechnikerin hat sie auch intensiven Bezug zur Musik. Nöß passt noch die Gurte an, die Farbe kann sich Well aussuchen. „Ich bin ja so ein dürrer Kerl, kannst ruhig ein bisserl enger machen“, flachst er. Wer es noch nicht gemerkt hat: Der Well ist ja nicht nur Musiker, sondern auch Komödiant.
Ein bisserl musste er sich bei seinem Ziachmacher mit seinen Wünschen dann doch durchsetzen. „Es gibt da diesen inneren Widerstand des Handwerkers, wenn etwas Neues gefordert wird“, sagt er und schmunzelt. So wie bei seiner Lederhose, die er von seiner Frau zum 60. Geburtstag bekam: „Das fand der Säckler komisch, dass einer Mohnblumenstickereien haben will. Das gab’s noch nicht.“
Aber musikalisch sind sich die beiden einig. Die Mechanik, so erklärt Nöß, werde sich einspielen. „Die wird noch leichter zu spielen und besser im Klang.“ Er gibt Well eine Dose Holzöl zur Pflege auf den Weg mit. Der wiederum lässt seine alte Ziach – ein 90 Jahre altes Stück – zur Generalüberholung da. Und dann müssen die Münchner Gäste auch schon wieder weiter: Beim Ringsgwandl vorbeischauen. Aber dann zeitig aufbrechen, weil sie zu Hause in München noch vor dem Fenster spielen: Wie eben Künstler in Zeiten von Corona an sich erinnern, wenn sie nicht auftreten können. „Mich persönlich hat die Krise nicht so hart getroffen, ich mach ja schon seit über 50 Jahren Musik“, sagt Well. „Aber da bleibt eine Leere ohne Kunst. Man merkt es erst, wenn sie fehlt. Und die Leute wollen nicht jeden Abend fernsehschauen.“ Für die Münchner Nachbarn zumindest gibt es mit der neuen Ziach einen Hauch Heimatkultur. Fast wie früher.