München – 20 045 Fälle von häuslicher Gewalt, darunter 3335 Bedrohungen, 318 Vergewaltigungen, 44 versuchte Tötungen und elf Tötungen im Jahr 2019: Das sind die nüchternen Zahlen, die Justizminister Georg Eisenreich (CSU) und Innenminister Joachim Herrmann (CSU) gestern in Regensburg präsentiert haben. Vier von fünf Tatverdächtige waren Männer. Hinter jedem Fall steckt großes Leid – und die Corona-Krise verschlimmert die Situation weiter.
„Finanzielle Not und das enge Aufeinander-Leben sorgen schon in normalen Familien für Spannungen“, sagt Christina Mayer, Leiterin des Freisinger Frauenhauses. Bei Familien mit Problemen würden sich diese noch verstärken. „Die häusliche Gewalt ist gestiegen.“ Während der Ausgangssperre habe es zwar keine starke Zunahme an Anfragen gegeben. Aber: „Wenn die ganze Familie zu Hause ist, haben Frauen keine Chance, sich bei uns zu melden“, erklärt Mayer. „Als die Lockerungen kamen, hat der Bedarf nach Beratung deutlich zugenommen.“ Doch die fünf Plätze im Freisinger Frauenhaus sind durchgehend alle belegt. „Die Wohnungssituation war schon vor Corona sehr dramatisch“, beklagt Mayer. Betroffene Frauen werden deshalb entweder an andere Frauenhäuser vermittelt. „Oder wir beraten zum Gewaltschutz“, sagt sie.
Zum Beispiel können Täter per Gerichtsbeschluss aus der gemeinsamen Wohnung verwiesen werden. Auch Kontaktverbote sind möglich. Wie Joachim Herrmann betonte, habe sich das als Sofortmaßnahme bewährt. So habe die Polizei im Jahr 2019 in 4591 Fällen einen Platzverweis gegen den Gewalttäter ausgesprochen und 5137 Mal ein Kontaktverbot. Er wies außerdem auf die Beratungsangebote hin.
Doch nicht alle Betroffenen holen sich Hilfe. „Es ist bekannt, dass es eine sehr hohe Dunkelziffer gibt“, sagt Mayer. Darauf macht auch Lydia Halbhuber-Gassner vom Sozialdienst katholischer Frauen aufmerksam: „Wir vermuten, dass viele Frauen noch zurückhaltend sind, weil sie Angst vor einer Ansteckung haben.“ Aus Sorge, sich im Frauenhaus mit Corona infizieren zu können, blieben sie lieber bei dem gewalttätigen Partner zu Hause. Doch: „Die Frauenhäuser haben alle sehr hohes Hygienestandards“, sagt Halbhuber-Gassner. Sie betont, dass zu Gewalt nicht nur Schläge und körperliche Angriffe zählen. „Auch die absolute Kontrolle über den Partner, Demütigungen und Kontaktverbote sind Gewalt.“
Denn die Folgen sind auch hier dramatisch: „Das Selbstwertgefühl ist im Keller“, berichtet Sabine Böhm von der Landesarbeitsgemeinschaft der Frauen-Notrufe. „Wie unter dem Brennglas“ hätten viele Frauen während des Lockdowns ihre Situation erlebt. „Vielen ist erst jetzt klar geworden, dass sie in einer Misshandlungsbeziehung leben“, sagt sie. Wenn sich diese Frauen jetzt für eine Trennung entscheiden, könne die Lage schnell eskalieren. Was Böhm, die in der Frauenberatung in Nürnberg aktiv ist, besonders beunruhigt: „Das Eskalationslevel und die Zahl der Hochrisikofälle sind gestiegen.“ Das sind zum Beispiel Fälle, in denen Frauen oder ihr Umfeld mit dem Tod bedroht werden oder bei denen besonders viel Gewalt im Spiel ist. Hilfreich könne in diesen Fällen sein, dass Betroffene ihr Umfeld informieren. Denn: „Wenn mehr Menschen wachsam sind, wird mehr gesehen.“
Eisenreich und Herrmann stellten außerdem gestern ein Pilotprojekt zum Schutz vor häuslicher Gewalt und vor Nachstellungen (wenn jemand zum Beispiel einen anderen stalkt) vor. Die Staatsanwaltschaft Regensburg und das Polizeipräsidium Oberpfalz haben dazu ein Konzept entwickelt, das seit Anfang Juli umgesetzt wird. Unter anderem soll es feste Ansprechpartner für die Bearbeitung der Fälle bei Polizei und Staatsanwaltschaft sowie schnelle Verfahren geben. Mithilfe eines Kriterienkataloges sollen außerdem Risikofälle schneller erkannt werden. „Mit dem Projekt senden wir das klare Signal an die Täter: Polizei und Justiz greifen durch“, sagte Eisenreich. Die Strafe folge „der Tat auf dem Fuß“.