München – Margit Kobler hat auf diesen Tag sehnsüchtig gewartet. Nach acht Wochen darf sie ihre 95-jährige Mutter zum ersten Mal wieder im Pflegeheim besuchen. Bevor die Pandemie ausbrach, war sie jeden Tag bei ihr – dann kam Mitte März das strenge Besuchsverbot. Einmal hatte sie versucht, mit ihrer Mutter zu skypen. „Das war für sie zu schwer zu verstehen“, sagt Kobler. „Das ist eine ganz Liebe“, sagte ihre Mutter damals zu einer Pflegerin und deutete auf den Monitor. „Aber sie kommt nicht mehr.“ Margit Kobler hat gelitten – weil sie wusste, wie sehr ihre Mutter unter der Situation leidet. Als die strengen Regelungen im Heim etwas gelockert wurden, ließ sich sich sofort einen Besuchstermin geben.
„Als ich endlich kommen durfte, waren draußen sechs Grad“, erzählt sie. Doch das Treffen fand im Garten statt. Zwischen den Tischen war eine Plexiglasscheibe aufgebaut. Trotzdem musste Kobler die ganze Zeit die Maske tragen. „Meine Mutter hat mich nicht erkannt und kaum verstanden.“ Das Treffen hat ihrer Mutter nicht gut getan. „Sie hat gefroren und die Situation nicht verstanden“, erzählt Kobler. Nach wenigen Minuten stand sie auf, sagte „Seid’s ihr narrisch?“ – und ging ins Haus.
Spätestens seit diesem Tag stellt sich Margit Kobler viele Fragen: Welchen Preis müssen die alten Menschen bezahlen, um vor dem Virus geschützt zu werden? Was passiert in einigen Heimen gerade mit den Freiheitsrechten? Ist es das wert, sie vor Corona zu schützen, wenn ihre Lebensfreude dabei auf der Strecke bleibt?
Das sind Fragen, die auch viele andere Angehörige von Pflegebedürftigen sich stellen, berichtet der Pflegeexperte Claus Fussek. Ihn erreichen fast täglich verzweifelte Anrufer. „Die Besuchsregeln in den Heimen sind sehr unterschiedlich“, sagt er. Das liege zwar auch daran, dass die Gegebenheiten vor Ort sehr unterschiedlich sind. „Aber nicht alle Maßnahmen sind logisch“, betont er. Und vor allem seien nicht alle zum Besten der Bewohner. „Die Angehörigen sind verzweifelt, fühlen sich ohnmächtig.“ Immer wieder würden sie von den Senioren den Satz hören: „Ich will nicht mehr leben.“ Fussek sagt: „Viele Senioren werden regelrecht weggesperrt. Auch jetzt noch.“
Der Staat hat den Heimen seit 9. Mai erlaubt, wieder Besucher zuzulassen, wenn sie ein individuelles Schutzkonzept vorlegen. Wie das aussieht, bestimmen die Einrichtungen selbst. Einige regeln die Besuchszeit sehr streng. Zum Beispiel das Heim für Demenzkranke im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen, in dem die Mutter von Margit Kobler lebt. Die 95-Jährige darf nicht einmal jede Woche Besuch bekommen – und nie länger als eine Viertelstunde. „Das Heim vertraut den Angehörigen nicht“, sagt Kobler. Wenn sie ihre Mutter sieht, ist immer ein Betreuer dabei, der aufpasst, dass die Regeln eingehalten werden. Sie kann ihre Mutter nur im Garten sehen. Oder in einem Raum, der durch eine zimmerhohe Glasscheibe getrennt ist. Trotz der Scheibe muss sie durchgehend Mundschutz tragen. Und bis ihre Mutter sie erkannt hat und etwas Vertrautheit aufkommt, ist die Viertelstunde meist um. „Es fühlt sich an, als würde ich sie in einem Hochsicherheitsgefängnis besuchen“, sagt Kobler.
Georg Sigl-Lehner kann nur den Kopf schütteln, wenn er so etwas hört. Er ist Präsident der Vereinigung der Pflegenden – und leitet das Altenheim St. Klara in Altötting. Es sei nicht einfach, den Spagat zwischen maximaler Sicherheit für die Bewohner und der Wahrung individueller Freiheit zu schaffen, sagt er, betont aber auch: „Pflegeheime dürfen keine Gefängnisse sein.“ In seinem Heim dürfen die Bewohner ihre Angehörigen auch in ihren Zimmern empfangen, wenn sie das möchten. „Die Behörden tragen das mit“, sagt er. „Und wir vertrauen den Angehörigen, dass sie Abstands- und Maskenregeln einhalten, um ihre Lieben zu schützen.“ Auch bei ihm gibt es Besuchszeiten und Registrierungen. „Jetzt im Sommer können wir den großen Garten gut nutzen“, sagt Sigl-Lehner. Dort gibt es auch einen abgetrennten Vorplatz, auf den die Enkel der Senioren dürfen. „Der Abstand zu ihnen ist dort zwar etwas größer, aber sie können sie wenigstens sehen und sich unterhalten. Das bedeutet für sie Lebensfreude.“
Es sei offensichtlich gewesen, wie sehr die Senioren gelitten haben, als sie keine Besuche mehr bekommen durften, berichtet er. Viele wurden depressiv. Er macht sich große Sorgen, dass es im Herbst oder Winter noch einmal zu so einer Situation kommen könnte. „Das kann sich ja jeder für sich selbst vorstellen, was es bedeutet, von heute auf morgen von allen sozialen Kontakten abgeschnitten zu sein.“ Er findet, dass es sich einige Heime gerade zu leicht machen, um kein Risiko einzugehen. „Alte Menschen wegzusperren, ist keine Alternative.“
Margit Kobler macht sich seit einigen Tagen noch mehr Sorgen um ihre Mutter. Sie ist gestürzt, hat überall blaue Flecken. Sie müsste sie zu einem Arzt begleiten, damit sie sich röntgen lässt. Kobler hat einen Corona-Test gemacht und bleibt in häuslicher Quarantäne, bis sie mit ihrer Mutter zum Arzt kann. Langfristig überlegt sie, ob sie sie zu sich nach Hause holt. „Sie ist 95, viel Zeit bleibt uns nicht mehr“, sagt sie. Der Gedanke, dass ihre Mutter den letzten Abschnitt ihres Lebens einsam verbringt, ist für sie unerträglich. „Früher habe ich mich immer verabschiedet mit dem Versprechen, dass ich morgen wieder komme und sie nicht im Stich lasse“, sagt sie. „Dass ich ihr dieses Versprechen nicht mehr geben kann, ist kaum zu ertragen.“