München – Der Trend zum Gipfelsturm ist ungebrochen. Die Lust der Deutschen aufs Wandern geht inzwischen so weit, dass sich Staatsregierung und Touristiker nach anhaltenden Anwohnerprotesten gezwungen sehen, die tausenden Ausflügler an Sonnentagen mit digitalen Hilfsmitteln von Hotspots wie Kreuzeck und Herzogstand wegzulotsen (siehe Kasten).
Mittendrin in diesem Konflikt steht der Deutsche Alpenverein, mit 1,3 Millionen Mitgliedern nicht nur Naturschutzverband, sondern auch die größte nationale Bergsteigervereinigung der Welt. Das Wandern ist noch immer die Lieblingsbeschäftigung der DAV-Mitglieder. Und mit jedem Jahr, in dem sich mehr Menschen auf zum Gipfel machen, stellt sich wieder die Frage: Wie gefährlich ist diese Freizeitbeschäftigung eigentlich?
Um auf diese Frage eine fundierte Antwort geben zu können, führt der Alpenverein penibel Buch, wie viele Mitglieder jedes Jahr am Berg verunglücken. Sei es auf der Skipiste, in der Kletterwand oder schlicht auf dem Wanderweg. Gestern warf Stefan Winter, Ressortleiter für Sportentwicklung im DAV, einen Blick auf die Zahlen des vergangenen Bergsportjahres, heißt also auf den Winter 2018/19 und die darauf folgende Sommersaison.
Die gute Nachricht: Der Alpenverein verzeichnete im Vergleich zum Mitgliederstand so wenige Unfälle wie zuletzt vor 20 Jahren. Konkret waren es 877 Un- oder Notfälle. Die weniger schöne Erkenntnis: Im vergangenen Jahr starben 54 DAV-Mitglieder beim Bergsport – fast doppelt so viele wie im Vorjahr. „Jeder Fall davon ist tragisch und die Steigerung auf den ersten Blick sehr groß“, sagt Winter. Doch er betont, dass die Zahl der tödlichen Unfälle trotz des Anstiegs noch im langjährigen Mittel liege. Sein Fazit, mit Blick auf die Zahlen der vergangenen 50 Jahre: „Das Risiko für tödliche Bergunfälle sinkt seit Jahren.“
Auffällig war zuletzt der deutliche Rückgang bei Wintersport-Unfällen. Daran hat laut Winter auch das Schneechaos vom Januar 2019 seinen Anteil. Geschlossene Skigebiete, gesperrte Straßen und hohe Lawinenwarnstufen haben viele Wintersportbegeisterte daran gehindert, in die Schnee- und Skischuhe zu schlüpfen. Der Blick auf die Ursachen zeigt, dass tödliche Unfälle noch immer vor allem durch Stürze entstehen. Aber auch körperliche Probleme wie etwa Kreislaufversagen machen einen großen Anteil aus, während Extrem-Ereignisse wie Lawinen bei den tödlichen Unfällen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Außerdem auffällig: Die deutlich risikofreudigeren Männer waren doppelt so oft in Unfälle verwickelt wie Frauen.
Allerdings hat die Statistik des Alpenvereins nur bedingte Aussagekraft, weil nur Fälle registriert werden, die an den Versicherer des DAV gemeldet werden. So gehen mehr Unfälle in die Statistik ein, die im Ausland passieren – weil dort oft die Krankenkasse die Unfallkosten nicht übernimmt. Anders als etwa bei einem Absturz in der Kletterhalle im Heimatort. Zudem werden nur Unfälle der Mitglieder erfasst. Zum Vergleich: Die Bergwacht verzeichnete für das vergangene Jahr 95 Bergtote in Bayern.
Der DAV beobachtet, dass im Coronajahr angesichts der Reisebeschränkungen noch mehr Einsteiger als sonst den Weg ins Gebirge suchen. „Während der strengen Kontaktbeschränkungen war es sehr ruhig, aber seit den Lockerungen sind wieder deutlich mehr Leute unterwegs“, sagt Winter. Bei vielen Hüttenbetreibern sind die Betten auf Wochen hinaus belegt. Alpen-Anfänger mahnt der DAV zur Vorsicht. „Die wichtigsten Voraussetzungen für das Bergsteigen sind: körperliche Fitness, angemessene Ausrüstung und eine gute Tourenplanung“, sagt Winter. Wen die Wanderlust neu gepackt habe, obwohl er zuvor kaum Sport getrieben habe, der solle es am Anfang unbedingt langsam angehen. Und ab 40 Jahren und aufwärts könne es auch nicht schaden, sich zuvor vom Hausarzt noch mal durchchecken zu lassen.
VON DOMINIK GÖTTLER