München – Einige werden es schon gespürt haben – diesen Sommer wird Bayern von mehr Mücken heimgesucht als in den vergangenen Jahren. Nach zwei trockenen Sommern in Folge mit deutlich weniger Mücken ist der Wechsel von Feuchte und Wärme in diesem Jahr sehr mückenfreundlich, erklärt die Biologin Doreen Werner. „Die Belästigung ist regional aber sehr unterschiedlich.“ Wo starke Niederschläge die Pegelstände von Gewässern steigen ließen, spricht die Forscherin von einer Mückenplage. Die starken Regenfälle in Südbayern der vergangenen Tage dürften also für deutlich mehr Mücken sorgen.
„Generell ist ein Mückenauftreten wetterabhängig und lokal“, erklärt Marion Kotrba, Leiterin der Sektion Zweiflügler in der Zoologischen Staatssammlung München. „Aber die momentan üppige Vegetation mit viel Schatten ist durchaus förderlich für die Entwicklung der Tiere.“ Am Ammersee gab es schon im vergangenen Jahr eine sehr starke Mückenplage, berichtet sie. Das wird sich wohl auch heuer nicht ändern. Prognosen seien aber schwierig: „Es kommen sehr viele Faktoren zusammen.“
In Deutschland sind über 50 Arten von Stechmücken beheimatet. In den vergangenen beiden Jahren waren es überwiegend Hausmücken, die etwa in Regentonnen oder Pfützen ihre Eier ablegten. In diesem Sommer haben vor allem die sogenannten Überschwemmungsmücken Hochkonjunktur. In Überflutungsflächen registrierte die Biologin Werner pro Minute einen Anflug von mehr als 100 Mücken. Von einer Plage wird bereits ab 20 Mücken pro Minute gesprochen.
Die warmen Temperaturen verkürzen zudem die Entwicklungszeit der Mücken. Gerade Überschwemmungsmücken sind sehr stechlustig, erklärt Werner. Weil sie unter Entwicklungsdruck stünden. Laut der Wissenschaftlerin müssen sie in kürzester Zeit Blut saugen, ihre Eier entwickeln und dann ablegen, um über den Sommer möglichst viele Generationen zu ermöglichen. Die Biologin nutzt das hohe Mückenaufkommen für ihre Forschung. So will sie vergleichend untersuchen, ob einheimische Mücken in gleichem Maße wie eingewanderte Mücken – etwa die Asiatische Tigermücke – Krankheitserreger übertragen.
Zu invasiven Mücken wie etwa der Tigermücke oder der Asiatischen Buschmücke, die in Deutschland relativ weitverbreitet ist, wisse man gut, welche Krankheitserreger sie übertragen könnten, sagt Helge Kampen vom Friedrich-Loeffler-Institut. Asiatische Tigermücken gelten als Überträger von tropischen Erregern wie Zika-, Chikungunya- und Dengue-Virus. „Solche Kenntnisse fehlen uns eigentlich noch weitgehend bei den einheimischen Mücken“, erklärt er. Das liegt zum einen daran, dass das Thema bislang vernachlässigt worden sei. Zum anderen könnten viele einheimische Mücken nicht gezüchtet werden. Jetzt sei die Chance da, mit der Vielzahl der Überschwemmungsmücken im Labor Infektionsversuche durchzuführen. Kotrba von der Staatssammlung sagt dazu: „Die Mücken bei uns sind bei der Krankheitsübertragung eher unbedeutend. Bei einem Mückenstich muss man sich eigentlich keine Sorgen machen.“ Früher oder später könne sich das im Zuge der Globalisierung aber ändern: „Wenn die Krankheiten irgendwann nach Deutschland kommen, ist es denkbar, dass Mücken bei der Übertragung eine Rolle spielen.“
Deutlich weiter ist die Forschung bereits bei der Erforschung der Mückenstiche. Dass die Stiche so heftig jucken, liegt daran, dass die Mücken beim Stechen etwas Speichel abgeben, dessen Proteine in unserem Körper bestimmte Abwehrzellen aktivieren. Diese Mastzellen setzen unter anderem den Botenstoff Histamin frei. Der wiederum dockt an Stellen im umliegenden Gewebe an – und reizt zudem die in der Haut liegenden Enden von Nervenfasern. Weitere Stoffe können beim Juckempfinden eine Rolle spielen. Was den Reiz aber im Einzelnen verursache, sei schwierig zu überprüfen, sagt der Dermatologe Martin Metz.
Die spontane Reaktion auf den Juckreiz ist jedenfalls immer dieselbe: kratzen. Das sei vom Körper gewollt, erklärt Metz. „Eigentlich soll durch das Kratzen ein möglicher Fremdkörper aus der Haut entfernt werden.“ Kratzen lindert tatsächlich – zumindest vorübergehend. Es verursacht Schmerz und damit einen Reiz, der wichtiger ist als der Juckreiz und deshalb schneller von Nervenfasern ans Gehirn weitergeleitet wird. „Der Schmerzreiz unterdrückt den Juckreiz.“
Ein Forscherteam hat bereits untersucht, ob man das Gehirn austricksen kann. Die Wissenschaftler ließen Menschen statt einer juckenden Stelle auf dem einen Arm die entsprechende Stelle auf dem anderen Arm kratzen – vor einem Spiegel. Das funktionierte. Denn vor dem Spiegel muss das Gehirn einen Konflikt in der Wahrnehmung auflösen. Deshalb projiziert es das Gefühl des Kratzens auf die juckende Stelle. lby/ma