Der Kampf gegen das stille Verdursten

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

Starnberg – Maria Stinner (Name geändert) sieht sofort, dass es ihrer Mutter nicht gut geht. Sie wirkt müde und teilnahmslos. Die 95-Jährige ist nach einem Krankenhausaufenthalt seit zwei Tagen in Kurzzeitpflege in einer Einrichtung im Landkreis Starnberg. Zuvor hatte sie noch gelesen und Schreibübungen gemacht. Jetzt wirkt sie geistig abwesend, als ihre Tochter sie besucht. Maria Stinner geht beunruhigt nach Hause. Der nächste Besuch ist zwei Tage später möglich – und der Zustand ihrer Mutter hat sich weiter verschlechtert. „Sie saß völlig apathisch im Rollstuhl und hat mich nicht erkannt“, berichtet Stinner. Ein Gespräch war nicht möglich.

Maria Stinner, ihr Bruder und ihr Neffe wechseln sich mit den Besuchen ab. Wegen Corona dürfen sie nicht täglich zu ihrer Mutter. Ihr Zustand wird von Treffen zu Treffen besorgniserregender. Einmal sagt sie laut „Durst“, als Stinner an ihrem Bett sitzt. Die 95-Jährige hat sichtlich Schmerzen. Stinner alarmiert die Pflegekräfte, ihre Mutter bekommt ein Abführmittel, ein Arzt wird nur telefonisch konsultiert. Maria Stinner gibt ihr zu trinken – und bleibt so lange hartnäckig, bis der Rettungsdienst gerufen wird.

Ins Krankenhaus darf sie ihre Mutter wegen der Pandemie nicht begleiten. Sie fährt mit ihrem Bruder hinterher. Und erfährt dort von einem Arzt, dass ihre Mutter an einem schweren Flüssigkeitsmangel leide und Infusionen brauche. Das ist anderthalb Wochen her. Die 95-Jährige konnte die Klinik noch nicht verlassen. Stinner wartet noch auf den ärztlichen Bericht. Aber für sie steht fest, dass sie ihre Mutter nicht in das Heim zurückbringen will. Sie hat Angst, dass sie dort erneut nicht genug zu trinken bekommen könnte.

Maria Stinner ist mit dieser Angst nicht allein. „Ich bekomme zurzeit fast täglich Hilferufe von Angehörigen“, berichtet der Pflegeexperte Claus Fussek. Das Thema treibt ihn seit Jahren um – und es verbessert sich kaum etwas. Im Gegenteil: Die Pandemie hat die Situation in vielen Einrichtungen noch einmal verschärft, erklärt er. Denn weder Helfer noch Angehörige können ihre Verwandten in diesem Sommer täglich besuchen und dafür sorgen, dass sie das Trinken nicht vergessen. Fussek fordert schon lange zusätzliches Personal, das die Pflegekräfte bei Aufgaben wie dieser unterstützt. „Es ist zeitintensiv, sicherzustellen, dass die Senioren trinken“, sagt er. „Man braucht Geduld und Empathie, muss sich auch mal eine Weile ans Bett setzen.“ Wenn Pflegekräfte das zeitlich nicht schaffen, müssten sie Alarm schlagen, betont Fussek. Doch manchmal passiere genau das Gegenteil, berichtet er. Dann werden sogar die Trinkprotokolle gefälscht.

Auch im Rettungsdienst häufen sich im Sommer Fälle von dehydrierten Senioren, berichtet der BRK-Sprecher Sohab Taheri-Sohi. Das betreffe aber auch häufig Senioren, die allein leben und das Trinken schlichtweg vergessen, erklärt er. Auch das Rote Kreuz appelliert deshalb immer wieder, an das Trinken zu denken.

Im Seniorenheim helfen Appelle nicht, ist Johann Weiss überzeugt. Er leitet das Elisabethenheim in Deggendorf – und stellt sicher, dass seine Bewohner an heißen Tagen genug trinken. „Ein Mitarbeiter des sozialen Dienstes ist dann nur für das Trinken zuständig“, erklärt er. „Er ist mit einem Getränkewagen den ganzen Tag im Heim unterwegs und versorgt nicht nur die Senioren, sondern auch die Besucher.“ Die Pflegekräfte kümmern sich intensiv um die Senioren, die im Bett liegen. „Diese Zeit nehmen wir uns – und das geht, wenn man will“, betont die Pflegerin Martina Steinbauer. Viele Heime werden im Sommer kreativ, betont auch Fussek. Sie bieten frische Säfte oder Bowle an, es gibt Obst und Eis. „Das könnte jedes Heim leisten“, sagt der Pflegeexperte. Dass er trotzdem jeden Sommer so viele Hilferufe von Angehörigen bekommt, zeigt ihm, dass es meistens keine Frage des Könnens ist, sondern des Wollens. Er sagt: „Es ist genauso wichtig, die Senioren vor dem Verdursten zu schützen, wie vor dem Coronavirus.“

Angehörige können diesen Sommer kaum helfen

Einige Heime sind kreativ und finden Lösungen

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