„Ein Wunder, dass ich überlebt habe“

von Redaktion

CORONA: Anneliese Figue erkrankte schwer – jetzt warnt sie die Bevölkerung

VON CLAUDIA SCHURI

Dürrnhaar – Egal, wo Anneliese Figue aus Dürrnhaar (Kreis München) hingeht, sie hat immer ihren Mops dabei. Einen Mops, der weder bellt, noch selbst laufen kann. Denn Figue ist keine Hundehalterin – und den Mops möchte sie am liebsten so schnell wie möglich wieder loswerden. Der Mops ist ihr Sauerstoffgerät. „Es ist ungefähr so groß wie ein Hund, deshalb habe ich es Mops genannt“, erzählt die 78-Jährige. Ihren Humor hat sie nicht verloren, auch wenn sie die vergangenen Wochen nur wenig zu lachen hatte. Im März hatte sie sich mit dem Coronavirus infiziert – jetzt möchte sie andere vor der Krankheit warnen. In ihrer Heimatgemeinde Aying hat sie über 2000 Heftchen verteilt, in denen sie ihre Geschichte erzählt – ein „Krankenbericht von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen“. „Ich selbst habe Corona total unterschätzt“, gibt sie zu. Die 78-Jährige gehörte aufgrund ihres Alters und von Vorerkrankungen zwar zur Risikogruppe, dass es sie aber so schlimm treffen könnte, hätte sie nie gedacht.

Bei einem Urlaub am Gardasee wurde Figue plötzlich am Frühstücksbuffet ohnmächtig. Die italienischen Rettungskräfte wollten sie ins Krankenhaus bringen. „Aber ich habe abgelehnt, mir ging es auch schon wieder besser“, erzählt sie. Ihr Reisebus fuhr sowieso ein paar Stunden später, und damit früher als ursprünglich geplant, zurück nach Deutschland. Zu Hause fühlte sich Figue schlapp, müde, elend, auch etwas Husten hatte sie. „Eine Freundin, die Ärztin ist, hat mir Essen vorbei gebracht“, erzählt sie. „Sie hat die Situation sofort erkannt und den Rettungsdienst gerufen.“ Es war vermutlich ihre Lebensrettung.

Das letzte, woran sich die Seniorin danach erinnert, ist die schöne Aussicht im Zimmer des Krankenhauses in Perlach. Die nächsten vier Wochen lag sie im Koma, künstlich beatmet. Auch einen Kehlkopfschnitt mussten die Ärzte durchführen. Denn ihre Lunge war bereits schwer geschädigt. „Die Ärzte haben gesagt, dass es ein Wunder ist, dass ich überlebt habe“, sagt Figue.

Von der Intensivstation wurde sie schließlich in die Asklepios-Lungenfachklinik Gauting verlegt. Angeschlossen an mehreren Schläuchen konnte sie sich nicht drehen, außerdem musste sie erst von ihrem Atemgerät entwöhnt werden.

Das war ein weiterer Schock für Anneliese Figue: „Ohne einen Sprachbügel konnte ich nicht sprechen“, berichtet sie. „Es war ein furchtbarer Gedanke, stumm zu bleiben.“ Vor allem für sie, für die Sprache seit je her eine besondere Bedeutung hatte. Einst hatte Figue am Mozarteum in Salzburg Klavier und Gesang studiert, später arbeitete sie 40 Jahre am Residenztheater in München. Sie kann viele Gedichte auswendig, immer wieder rezitierte sie im Krankenhaus Verse und auch den ein oder anderen Witz in ihren Gedanken. „Das hat mir geholfen, meinen Geist anzuregen und nicht in ein Loch zu fallen“, sagt sie.

Trotzdem sei sie jede Nacht mehrmals schweißgebadet aufgewacht, häufig habe sie auch Todesangst gehabt. Besonders unangenehm sei das mehrmals tägliche Absaugen des Schleims gewesen, erzählt Figue: „Man glaubt, zu ersticken und innerlich zu zerplatzen“, sagt sie. „Von Kopf bis Fuß habe ich gezittert und bin puterrot geworden.“

Aufwärts ging es nur ganz langsam. Ihre Stimme kam zurück und nach und nach wurde sie mobiler. Zunächst konnte sie sich nicht einmal auf die Bettkante setzen ohne Zittern, Brechreiz und Drehschwindel. „Der Gang mit dem Rollator zur Toilette war wie eine Himalaya-Tour“, sagt sie. Trotzdem wollte sie nach elf Wochen im Krankenhaus unbedingt wieder nach Hause. Endlich wieder Haferflocken und Frühstückseier essen oder sich mal wieder ein Bier gönnen – sie sehnte sich nach dem normalen Leben.

Anneliese Figue ist eine Kämpferin. Klavierspielen, garteln, ein Buch schreiben über ihre Erlebnisse bei einer Russlandreise – sie hat noch viel vor und wollte unbedingt leben. „Ich bin immer lustig, mein Gemüt ist positiv“, sagt sie. Das hat ihr geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Inzwischen geht es ihr etwas besser und auch die Lunge regeneriert sich wieder. Diese Woche hat sie es zum ersten Mal seit ihrer Erkrankung geschafft, nach München zu fahren, um sich dort mit einer Freundin zu treffen.

Jetzt ist ihr ein wichtiges Anliegen, die Menschen zu sensibilisieren: „Sich gegen Masken und Beschränkungen zu wehren, ist verantwortungslos und dämlich“, findet sie. Gleiches gelte auch für Urlaube in Risikogebieten. „Die Leute wissen gar nicht, was alles hinter der Krankheit steckt“, sagt sie. „Viele überleben es ja auch gar nicht.“ Sie hatte zwar viel Glück, kämpft aber ebenfalls noch immer mit den Nachwirkungen. „Es ist nicht wie früher, alles geht langsamer“, berichtet sie. Ihr großes Ziel: „Ich muss es hinkriegen, von der Sauerstoffflasche wegzukommen.“ Ihren Mops will sie schnell wieder loswerden – ein treuer Begleiter soll er nicht werden.

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