Dietmar Eder hat sein Leben lang in der Pflege gearbeitet. Er war Pfleger, Stationsleiter und Praxisanleiter. Inzwischen ist er freigestellt als Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Sozialservice Gesellschaft des BRK – und kritisiert mit seinen Kollegen den Pflege-Bonus. Er hätte an alle Mitarbeiter ausgezahlt werden müssen, betont er. Jetzt fühlen sich viele als Mitarbeiter zweiter Klasse.
Vor einigen Monaten wurden die Pflegekräfte beklatscht und als Helden der Krise gefeiert. Wie fühlt sich das für Sie an?
Das war natürlich ein Zeichen des Respekts. Nur ist das Klatschen mittlerweile verebbt. Es reicht nicht, wenn alle nach 14 Tagen wieder zur Normalität übergehen. Inzwischen redet niemand mehr von der Situation in der Pflege.
Wie hat Corona die Situation verändert?
Die guten Pflegekräfte haben sich in der Krise profiliert, sie haben ihren Mann oder ihrer Frau gestanden. Und die, die vorher schon unmotiviert waren, sind es nun noch mehr. Corona hat die Arbeitsbedingungen auf jeden Fall weiter verschärft. Auch durch den ausgezahlten Bonus.
Er war eigentlich als Zeichen der Wertschätzung gedacht. Wie hat er die Situation verschlechtert?
Nicht alle Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen haben diesen Bonus bekommen. Die Kräfte in der Küche, der Verwaltung und die Hausmeister, die Reinigungskräfte sind leer ausgegangen oder haben nur anteilig die Prämie bekommen. Genauso wie die Pfleger im Betreuten Wohnen, die eigentlich gleichgestellt sind mit der ambulanten Pflege. Das ist nicht nachvollziehbar. Sie alle sind an der Versorgung der Bewohner beteiligt. Die Küchenkraft und der Hausmeister haben in dieser schweren Zeit genauso viel dafür getan, dass die Einrichtungen gut durch die Krise kommen. Dass nur die Pflegekräfte einen Bonus bekommen haben, hat das Teamgefühl nicht verbessert. Es gibt Eifersüchteleien und Anfeindungen. Viele haben das Gefühl, dass es Mitarbeiter erster und zweiter Klasse gibt. Die Prämie war einfach nicht richtig durchdacht.
Sie haben eine Initiative gestartet. Was wollen Sie erreichen?
Wenn es eine Prämie gibt, dann für alle. Da muss nachgebessert werden. Es geht nicht nur ums Geld, sondern vor allem um Gerechtigkeit. Um das Signal, dass alle wichtig sind. Wir haben einen Brief an Gesundheitsministerin Melanie Huml und Ministerpräsident Markus Söder geschrieben. Wir sprechen damit für 2800 Beschäftigte in der Altenpflege in Bayern. Die Antwort war allerdings sehr enttäuschend. Wir haben nur ein lapidares Standard-Schreiben erhalten.
Wie wollen Sie nun weitermachen?
Wir werden am Ball bleiben und versuchen nun, größtmögliche Öffentlichkeit für unser Anliegen zu bekommen. Viele haben von der Prämie gelesen, die Ungerechtigkeit ist ihnen aber nicht bewusst. Außerdem ist es mit einem einmaligen Bonus sowieso nicht getan. Die Arbeitskräfte in den Pflegeheimen sind seit Jahren unterbezahlt. Die Prämie war nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.
Was passiert in den Heimen langfristig, wenn sich nichts verändert?
Die Motivation für die Arbeit wird bei einigen Pflegekräften wohl nachlassen. Dazu kommt, dass sich immer weniger Menschen für diesen Beruf entscheiden werden, wenn die Bezahlung nicht besser wird. Ohne die Pflegekräfte aus dem Ausland wären wir schon längst aufgeschmissen.
Die Forderungen nach einer besseren Bezahlung gab es schon lange vor Corona. Steigt durch die Pandemie der Druck?
Er muss noch viel mehr steigen. Auf Arbeitgeberseite wird ohne politischen Druck nichts passieren. Es müsste viel mehr Initiativen wie unsere geben. Und vor allem müssten sich die Pflegekräfte zusammenschließen und aufstehen. Dann hätten wir eine große Lobby.
Warum passiert das nicht?
Die meisten glauben nicht mehr daran, dass es etwas bringt. Sie haben resigniert. Außerdem ist die Schmerzgrenze bei den Pflegekräften sehr hoch. Sie machen vieles mit, weil sie es als ihre Pflicht den Bewohnern gegenüber sehen. Das ist eigentlich lobenswert – aber auch vollkommen falsch, weil sich so nichts ändern wird.
Sie haben in der Pflege gearbeitet, jetzt sind Sie pflegender Angehöriger. Wie hat das Ihre Sicht auf die Pflege verändert?
Gerade jetzt in der Krise habe ich vieles kritisch gesehen. In der Einrichtung, in der meine Mutter liegt, sind die Besuche sehr strikt geregelt. Ich bekomme nur einmal die Woche einen Termin und muss ganz vermummt zu ihr. Meine Mutter ist seit Jahren dement, sie kann mich so nicht erkennen. Klar ist der Schutz der Bewohner das Wichtigste. Aber man kann das auch übertreiben. Die alten Leute brauchen Gesellschaft. Da läuft gerade vieles nicht richtig. Viele Einrichtungen kriegen den Schutz schließlich gut hin, ohne die Senioren völlig zu isolieren. Vieles ist wohl gut gemeint – aber nicht gut umgesetzt.
Interview: Katrin Woitsch