München – Die Vorteile liegen auf der Hand: Wasser ist immer vorhanden. Egal, ob die Sonne scheint oder der Wind weht. Bei der Energiewende setzt Bayern deshalb auch auf Wasserkraft. Im Rahmen eines Aktionsprogramms fördert die Staatsregierung Kleinwasserkraftwerke. 150 Querbauwerke wurden als potenzielle Standorte identifiziert.
Doch jetzt schlägt die Naturschutzorganisation WWF Alarm: „Wir haben wirklich Probleme an den Flüssen. Es ist sehr dramatisch“, sagte Sigrun Lange, WWF-Koordinatorin für Alpenflüsse. Mit dem Wildfluss-Referenten Stefan Ossyssek und dem Leiter des Bayernbüros, Wolfgang Hug, stellte sie gestern eine Analyse zur Situation der bayerischen Flüsse vor. Die Ergebnisse sind ernüchternd: „Nur 24 Flusskilometer sind in einem sehr gutem ökologischen Zustand“, erklärte Lange. In einem guten Zustand seien 3301 Flusskilometer, mit mäßig wurden 13 129 Kilometer bewertet. Bei 8935 Kilometern sei die Situation unbefriedigend, bei 2452 Kilometern sogar schlecht. Insgesamt gebe es an den Flüssen knapp 56 800 Querbauwerke wie Wehre, Abstürze, Rampen, Durchlässe und Verrohrungen. „Alle 500 Meter ist eine Barriere“, berichtete Lange. Einer der Gründe dafür: Wasserkraftwerke.
Vor allem für wandernde Fische wie Huchen, Barben oder Aale seien die Barrieren ein großes Problem, beklagt die WWF: „In 90 Prozent der Wehren ist der Fischaufstieg nicht oder nur eingeschränkt möglich“, sagte Lange. Durch die Hindernisse würde sich außerdem die Fließgeschwindigkeit verringern. „Die Flüsse verwandeln sich zum Teil in stehende Gewässer“, erklärte sie. Die Folgen: Verschlammung, Schwund von strömungsliebenden Fischarten und eine vermehrte Freisetzung des klimaschädlichen Methans.
Die Obere Isar ist die letzte große alpine Wildflusslandschaft in Bayern. „Es gibt dort eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt“, berichtete Ossyssek. Schon seit 100 Jahren wird in Krün (Kreis Garmisch-Partenkirchen) Isarwasser zum Walchenseekraftwerk abgeleitet. Seitdem seien die offenen Kiesflächen immer weiter zurückgegangen, kritisierte er.
Letzte naturnahe Flusskilometer gibt es außerdem an einer Strecke der Saalach. Doch mit dem Bau eines geplanten Kraftwerkes zwischen Schneizlreuth (Kreis Berchtesgadener Land) und dem österreichischen Unken wäre auch dieser Bereich bedroht, befürchtet Ossyssek: „Die Pläne sind aber leider schon weit fortgeschritten“, sagte er.
Anstatt den Bau neuer Kraftwerke fordert die WWF den Rückbau bestehender, häufig baufälliger Kleinkraftwerke. „Der Rückbau ist ökologisch und ökonomisch sinnvoll“, sagte Ossyssek. „Viele Kraftwerke sind nicht rentabel.“ Derzeit würden die 4000 bayerischen Kleinwasserkraftwerke nur 1,5 Prozent des bayerischen Stroms erzeugen. Bei größeren Anlagen sei Verbesserungspotenzial vorhanden und es brauche strikte Auflagen, so Ossyssek. Er verweist jedoch auf eine Studie der Technischen Universität München, wonach auch Rechen und moderne Turbinen keinen vollständigen Schutz bieten würden. „Natürlich ist es unrealistisch, die Abschaffung aller Wasserkraftwerke zu fordern“, gestand auch Sigrun Lange ein. „Aber Schäden wird es immer geben.“