Auf den Spuren des Märchenkönigs

von Redaktion

König Ludwig II. von Bayern war kein Freund des politischen Alltags, lieber plante er prunkvolle Schlösser oder suchte die Einsamkeit der Berge. Auf dem Dach der Münchner Residenz schuf er sich einen ganz besonderen Rückzugsort – mit Papageien und exotischen Pflanzen.

VON STEFAN SESSLER UND WOLFGANG HAUSKRECHT

Der Mythos Ludwigs II. gründet nicht auf großen politischen Entscheidungen. Es sind die Bauwerke und sein Faible für Kurioses, die uns heute in Erinnerung sind. Viele Stationen des „Märchenkönigs“ kann man heute noch besuchen – aber nicht alle. Manches ist verschwunden. Eine Spurensuche.

Die Roseninsel im Starnberger See

Die Roseninsel am Westufer des Starnberger Sees ist heute ein beliebtes Ausflugsziel. Ein Fährmann holt einen von Mai bis Mitte Oktober ab – immer, wenn er die Glocke hört, die man am Ufer betätigen muss. Ludwigs Vater kaufte die Insel, die damals noch „Wörth“ hieß (und der Starnberger See noch Würmsee) 1850 für 3000 Gulden von der Fischerfamilie Kugelmiller. Die 2,5 Hektar große Insel wurde zu einem idyllischen Garten umgestaltet und war fortan das Sommerdomizil der Königsfamilie.

Mittelpunkt waren das „Casino“, die königliche Sommervilla, und das Rosarium davor mit tausenden von Rosen, die die Insel zur Blütezeit noch heute in einen betörenden Duft tauchen. Auch Ludwig II. kam gerne hierher. Mit seinem Tod verfiel die Insel zusehends. 1970 kaufte der Freistaat die Roseninsel dem Wittelsbacher Ausgleichsfonds für 800 000 D-Mark ab. Seit 1997 wird sie originalgetreu restauriert.

Am Starnberger See bei Berg findet sich auch die Votivkapelle samt einem Kreuz an jener Stelle im See, an der Ludwig ertrunken sein soll. Der Bau der Kapelle begann am 10. Todestag Ludwigs 1896. Wer um den See radelt. kommt an der Kapelle vorbei.

Der Pavillon auf der Schöttelkarspitze

König Ludwig II. liebte die Einsamkeit der Berge, weitab vom Trubel der Regierungsgeschäfte. Ein Ort, den er häufig aufsuchte, war die Schöttelkarspitze im Vorkarwendel. Auf dem 2050 Meter hoch liegenden Gipfel ließ er sich vom Garmischer Zimmermeister Matthias Ostler und dem Maurermeister Franz Resch aus Partenkirchen einen Pavillon bauen. Es war ein einfacher Pavillon, in den sich Ludwig oft tagelang alleine zurückzog, um den Sonnenaufgang und den Blick über das Karwendelgebirge zu genießen. Nach Ludwigs Tod verfiel der Pavillon, 1930 brannten die Reste ab, „wahrscheinlich durch die Unachtsamkeit eines Touristen“, wie in einem Reiseführer von 1934 zu lesen steht.

Orient-Urlaube im Schachenschloss

Eine andere Zuflucht Ludwigs war das sogenannte Schachenschloss, eine Bergresidenz im Wettersteingebirge über dem Loisachtal. Allerdings war Ludwig hier nicht allein, sondern mit Gefolge, das eigene Unterkünfte hatte. Das Obergeschoss des im Schweizerstil gebauten Chalets war orientalisch (Ludwig hatte ein Faible für den Orient) eingerichtet und der König und seine Diener trugen türkische Tracht. Man trank Mokka und Tee, rauchte Wasserpfeife. Viele Geburtstage verbrachte Ludwig hier. Für die Dienerschaft war es eine Plackerei, die Verpflegung auf knapp 1900 Meter Höhe zu schleppen. Heute kann man in dem Chalet essen und übernachten (www.schachenhaus.de). Die Wanderung hinauf dauert etwa vier Stunden.

Neuschwanstein und andere Prunkbauten

Ludwigs Mythos ist eng mit Neuschwanstein verknüpft. Kurioserweise ließ der menschenscheue Monarch das Schloss oberhalb von Hohenschwangau bei Füssen errichten, um sich zurückzuziehen. Heute pilgern jedes Jahr mehr als 1,4 Millionen Menschen dorthin. 1869 wurde mit dem Bau begonnen. Ludwig lebte selbst nur wenige Monate dort – und erlebte die Fertigstellung nicht mehr. Nur sieben Wochen nach seinem Tod wurde das Schloss für Publikum geöffnet.

Das einzige Bauwerk, dass Ludwig tatsächlich vollendete, ist das 1878 im Stile des Rokoko fertiggestellte Schloss Linderhof im oberbayerischen Ettal. Es ist das kleinste der drei Schlösser Ludwigs und war sein Lieblingsschloss, in dem er viel Zeit verbrachte. Heute ist es für Besucher geöffnet.

Ein bayerisches Versailles wollte Ludwig auf der größten Insel des Chiemsees errichten. Das Neue Schloss Herrenchiemsee entstand ab 1878 nach dem Vorbild von Schloss Versailles bei Paris. Die Baukosten waren höher als für seine anderen Schlösser zusammen. Und Herrenchiemsee wurde nie fertig. Mit Ludwigs Tod wurden die Arbeiten eingestellt. Im Südflügel befindet sich heute ein Museum über Ludwig II.

Burg Falkenstein – ein unerfüllter Traum

1883 kaufte Ludwig die Ruine Burg Falkenstein bei Pfronten im Ostallgäu, um dort eine weitere Märchenburg zu bauen. Das Schloss blieb aber ein Traum, weil Ludwig drei Jahre später starb. Lediglich eine Zufahrtsstraße und eine Wasserleitung wurden fertig.

Der Wintergarten auf der Residenz

Wenn es dem König bei seinen Aufenthalten in München zu trubelig wurde, wenn er seine Ruhe brauchte, dann hatte er einen ungewöhnlichen Rückzugsort: seinen Wintergarten auf dem Dach der Residenz. Es war ein einmaliges Konstrukt aus Eisen und Glas, 70 auf 17 Meter groß – bei neun Metern Raumhöhe. Ludwig II. ließ sich hier eine orientalische Miniaturwelt errichten, samt maurischem Kiosk, indischer Fischerhütte, einer Grotte, Schwänen, Bananenstauden, Yuccapalmen und exotischen Tieren, die in einem künstlichen See baden konnten. Außerdem gab es zwei große Gemälde einer Himalaya-Landschaft, die für die richtige Stimmung sorgten. Für die exotische Flora und Fauna im Wintergarten brauchte es damals modernste Klimaanlagen, damit die Pflanzen und Papageie mitten in Bayern überleben konnten. Angeblich konnte die Papageie sogar das laute Lachen des Märchenkönigs imitieren.

Nur ausgewählte Gäste durften diesen sagenhaften Ort betreten. Darunter die spanische Thronfolgerin Maria Della Paz. Sie berichtet über ihren Besuch im Jahr 1883: „Lächelnd hob der König den Vorhang zur Seite. Ich war verblüfft, denn ich sah einen riesigen, auf venezianische Art beleuchteten Garten mit Palmen, einem See, Brücken, Hütten und schlossartigen Bauwerken. Geh, sagte der König, und ich folgte ihm fasziniert wie Dante Vergil ins Paradies. Ein Papagei schaukelte sich an einem goldenen Reif und schrie mir ,Guten Abend’ entgegen, während ein Pfau gravitätisch vorüberstolzierte.“ Es gibt Berichte, wonach neugierige Münchner sich als Gärtner verkleideten, nur um einmal dieses paradiesischen Ort zu sehen.

Heute kann man den Wintergarten nur noch auf Bildern bewundern – Prinzregent Luitpold entschied 1897, dass er abgerissen wird. Denn der künstliche See war undicht – immer wieder tropfte Wasser in die darunterliegenden Räume.

Das Ludwig-Denkmal in Murnau

Auf dem Weg zu Schloss Linderhof machte König Ludwig II. gerne Halt in Murnau, einem damals kleinen Ort, den er sehr liebte. Ludwig kehrte im „Gasthof zur Post“ ein – dessen Wirt Augustin Bayerlacher ein glühender Verehrer war. In der Gaststube führte Ludwig auch Verhandlungen über den Bau eines Versailles-Schlosses auf der Staffelsee-Insel Wörth. Ein Traum, der am Geld und auch daran scheiterte, dass der Eigentümer die Insel nicht verkaufen wollte.

Nach Ludwigs Tod regte der Wirt den Bau eines Denkmals an und stellte dafür ein Grundstück an der Kohlgruber Straße zur Verfügung, wo das Denkmal heute noch steht. Der Münchner Bildhauer Johann Nepomuk Hautmann fertigte das Denkmal aus Carrara-Marmor an. Das Vorhaben sorgte für Aufregung, denn der kulthafte Ludwig-Patriotismus im Oberland stieß in der bayerischen Regierung auf Unmut. Am 5. August 1894 wurde das Denkmal eingeweiht. 18 000 Menschen strömten zu den Feierlichkeiten. Zu jedem Geburtstag ehrt der Trachtenverein Murnau den König mit einer Veranstaltung am Denkmal.

Letzte Ruhestätte in der Michaelskirche

Es ist kurios, aber seine letzte Ruhestätte hat der menschenscheue Ludwig II. in einer der belebtesten Straßen in ganz Bayern gefunden – in der Neuhauser Straße in München mitten in der Fußgängerzone. Dort in der Kirche Sankt Michael ist die Fürstengruft der Wittelsbacher. Dort liegt Ludwigs einbalsamierter Leichnam in einem Sarkophag – den Sarg ziert eine nachgebildete Königskrone. Sein Herz wurde bereits am 16. August 1886 in einer Urne in die Altöttinger Gnadenkapelle verbracht.

Um den Tod von König Ludwig II. ranken sich noch immer allerlei Mythen und Theorien. Deswegen unternahm ein Ludwig-Forscher 2016 den Versuch, das Hause Wittelsbach zu einer Öffnung des Sargs mit anschließender Autopsie des Leichnams zu bewegen. Die Idee ist nicht neu. Der Ludwig-Experte, der damals sogar ein Volksbegehren ins Spiel brachte, glaubte zu wissen, dass der Bayernkönig auf der Flucht hinterrücks erschossen wurde. Doch das Hause Wittelsbach untersagte Untersuchungen an der Leiche „aus Pietätsgründen“.

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