München/Bad Tölz – An einem Samstagmorgen im Sommer 2018 saß Oliver Landolt in seinem Garten in Taufkirchen (Kreis München) und las beim Frühstück die Zeitung. Die Sonne schien, er hatte vor, an diesem Wochenende in den Bergen wandern zu gehen. Dann blickte ihm aus der Zeitung ein junger Mann entgegen. Der 32-jährige Kanadier Jeff Freiheit. Ein sportlicher Wanderer, der schon auf dem Kilimand–scharo und am Mount-Everest-Basislager war. Jetzt wollte er über den „Traumpfad“-Fernwanderweg von Bayern bis nach Venedig marschieren. Doch am Brauneck verlor sich seine Spur.
Als Landolt an jenem Morgen die Nachricht las, stand für ihn fest: Er will helfen. Über das soziale Netzwerk Facebook nahm er Kontakt mit weiteren Freiwilligen auf – und gemeinsam mit der Ehefrau und der Mutter des Vermissten machte sich eine Gruppe auf die Suche nach Jeff Freiheit. Mit Erfolg: Drei Wochen nach seinem Verschwinden fanden sie den 32-Jährigen am Fuß der Achselköpfe, verborgen unter einigen Latschen. „Für die Angehörigen war die Gewissheit sehr wichtig“, sagt Landolt. „Trauern zu können, ist der Anfang zur Heilung.“ Der Kontakt zur Familie ist nie abgebrochen – und auch den Suchtrupp gibt es noch.
Denn Landolt und seine Mitstreiterin Martina Lachmuth gründeten die Gruppe „Alpine Vermisstensuche“. Rund 20 Freiwillige engagieren sich darin, sieben sind schon von Anfang an dabei. Alle eint die Liebe zu den Bergen, manche sind auch bei der Bergwacht oder im Höhlen-Kletterverein aktiv. Wenn die Mitglieder eine Bergtour machen, dann ist ihr Ziel nicht unbedingt, den Gipfel zu erreichen. Sondern: „Wir gehen Wege ab, wo ein Vermisster unterwegs war“, sagt Landolt. Eines ist ihm wichtig: „Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zur Polizei und zur Bergwacht.“ Im Gegenteil: „Wir wollen eine gute Zusammenarbeit.“
Geht in den Bergen jemand verloren, dann werden zunächst die Polizei und die Bergwacht aktiv. „Die meisten Fälle sind harmlos“, erklärt Landolt. Jemanden hat sich verlaufen oder am Fuß verletzt – das seien die Klassiker. Manchmal kommt es aber auch zu schweren oder tödlichen Unfällen – und in einigen Fällen bleiben Personen auch nach einer langen Suche unauffindbar. „Hier gibt es eine Lücke“, erklärt Landolt. Denn: „Die Polizei kann nicht monatelang aufwendige Suchaktionen aufrechterhalten.“ Für die Angehörigen sei es aber trotzdem schlimm, keine Gewissheit darüber zu haben, was passiert ist. „Um das zu klären, wollen wir einen kleinen Beitrag leisten“, sagt Landolt.
Die Suche nach Jeff Freiheit sei noch etwas unstrukturiert gewesen, berichtet er. Inzwischen hat die Gruppe ein ausgefeiltes Konzept. Landolt hat eine Online-Karte programmiert, auf der besonders riskante Stellen markiert sind. „Ab einer Hangneigung von 45 Grad ist die Absturzgefahr besonders hoch“, erklärt er. Diese Gefahrenstellen sucht die Gruppe dann gezielt ab, genauso wie schlecht einsehbare Stellen.
„Viele Gebiete sind schwer zugänglich“, sagt der 50-Jährige. Besonders wichtig sei deshalb der Eigenschutz: „Wir sind alle erfahren, nicht waghalsig und immer mindestens zu zweit unterwegs.“ Als sie vor Kurzem nach dem Physiker Felipe Caycedo Soler aus Ulm suchten, unterstützten Freunde des Vermissten die Gruppe mit Drohnen. „Dafür brauchen wir eine Genehmigung“, erklärt Landolt. „Aber der Einsatz von Drohnen ist sehr sicher und effizient.“ Felipe Caycedo Soler war zu einer Tour zum Prinz-Luitpold-Haus bei Bad Hindelang (Kreis Oberallgäu) aufgebrochen. Beim Mittagessen wurde der 39-Jährige auf einer Alm gesehen, dann verlor sich seine Spur. In dem Gebiet gibt es hohe Felswände, da waren die Drohnen sehr hilfreich. Entscheidend war der letzte Flug am 28. Juli. „Man brauchte ausgezeichnete Augen, aber bei den Aufnahmen war am Fuß von einem Wasserfall etwas Auffälliges zu sehen“, erzählt Landolt. Es waren die Beine des Physikers, sein Körper konnte von der Polizei mit dem Helikopter geborgen werden.
Doch nicht alle Suchen sind erfolgreich. Vergangenes Jahr suchten die Freiwilligen auch nach Personen, die schon länger verschwunden sind. „Aber jemanden, der ein paar Jahre vermisst ist, findet man wahrscheinlich nicht mehr“, so die Erfahrung von Oliver Landolt.
Derzeit gibt es zwei aktuelle Fälle. Seit dem 26. Juni ist ein 40-Jähriger aus Brannenburg (Kreis Rosenheim) verschwunden. Sein Fahrrad wurde am Kaiseraufstieg in Tirol gefunden. „Was er vorhatte, weiß man nicht“, sagt Landolt. Zudem ist eine Bergsteigerin (53) aus München vermisst, die auf einer Wanderung bei Bad Reichenhall unterwegs war. Am Pflasterbachhorn machte sie einen Eintrag ins Gipfelbuch – ihr Schicksal ist unklar. Und auch nach ihr und dem Brannenburger sucht die Gruppe.