München – Er baute die Schlösser Herrenchiemsee, Linderhof und das weltberühmte Neuschwanstein. Er hasste Kriege, produzierte immense Schulden – und starb entmündigt unter umstrittenen Umständen im Starnberger See. Der „Märchenkönig“ Ludwig II., war wohl der schillerndste Regent Bayerns. Anstatt wie andere Herrscher feudal zur Jagd zu reiten oder den Feldherrn zu geben, plante er lieber neue Bauten, tüftelte an Erfindungen und träumte vom Fliegen. Bis heute verehren ihn Anhänger als Visionär, Technikfreak und „Friedensfürsten“. Kommenden Dienstag jährt sich Ludwigs Geburtstag zum 175. Mal.
Seine Anhänger wollen das gebührend feiern. Auf den Gipfeln bei Oberammergau werden am Montagabend zum „flammenden Gedenken“ Feuer lodern. Ursprünglich war ein Gottesdienst in der Münchner Michaelskirche geplant, wo der König beigesetzt ist. „Das ist aber abgesagt worden vor dem Hintergrund der Corona-Krise – mit Bedauern. Wir hätten gerne etwas gemacht“, sagt Marcus Freiherr von Bechtolsheim, Präsident der Verwaltung des Herzogs Franz von Bayern, Chef des Hauses Wittelsbach.
Nicht abhalten lassen sich die Königstreuen. Sie wollen die Erinnerung an die Wittelsbacher und ihre Leistungen als Herrscher hochhalten. Bayern, sagt Stefan Jetz, Vorsitzender des Verbands der Königstreuen in Bayern, wäre anders ohne die Wittelsbacher – und ohne Ludwig II. Einige Getreue wollen zum Grab in der Gruft der Michaelskirche steigen; Jetz selbst will des Königs Herz in der Gnadenkapelle in Altötting besuchen, wo die Herzen aller bayerischen Könige beigesetzt sind. Wieder andere wollen zum Königshaus am Schachen pilgern, wo der König die Berglandschaft genoss. Die Jagd lehnte er ab. „Er war ein Friedenskönig. Er hat sich mit Händen und Füßen 1866 und 1870 gegen Krieg gewehrt, aber er konnte nicht aus dem Deutschen Bund“, sagt Jetz. „Für mich war er kein Märchenkönig, sondern ein Fantast, er lebte in einer Traumwelt, und er hat Bayern wie kein anderer technisch vorangebracht. Mit Märchen hat das wenig zu tun.“
Das Licht der Welt erblickte Ludwig am 25. August 1845 in München, im Grünen Salon auf Schloss Nymphenburg. Getauft wurde er auf den Namen Otto Friedrich Wilhelm Ludwig. Sein Rufname war Ludwig (siehe Kasten).
Der junge Ludwig eiferte nicht nur dem Prunk des französischen „Sonnenkönigs“ Ludwigs XIV. und dessen Versailles nach. Seine Schlösser steckten auch voll ungewöhnlicher Technik. Neuschwanstein wurde durch ein Rohrsystem geheizt, das im Winter warme Luft in die Räume blies. Essen kam per Aufzug von der Küche in den Speisesaal. Es gab fließendes, teils warmes Wasser – und eine automatische Toilettenspülung. „Er war ein großer Technikförderer. Man sah damals die Notwendigkeit einer höheren technischen Bildung im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung Bayerns“, sagte der ehemalige Präsident der Technischen Universität München, Wolfgang Herrmann, bei einem Festakt vor zwei Jahren. 1868 hatte Ludwig II. die Uni als Polytechnische Schule München gegründet, nachdem er 1867 die Pariser Weltausstellung besucht hatte.
Der Versuch des strengen Vaters, den Buben zur Sparsamkeit zu erziehen, scheiterte. In Ludwigs Schlössern funkeln Edelsteine, Gold und Glas. Wände in Neuschwanstein sind mit Szenen aus Lohengrin und Parzival bemalt, mit Rittern und Heiligen. Der gleichermaßen selbstherrliche wie menschenscheue König schwärmte für Richard Wagner und förderte ihn finanziell. Dessen Antisemitismus aber lehnte er ab. Als Wagner etwa vom Hoftheaterdirigenten Hermann Levi den Übertritt vom jüdischen zum christlichen Glauben verlangte, wolle er die Uraufführung seines „Parsifal“ in Bayreuth dirigieren, schritt Ludwig ein. Levi dirigierte – auch ohne Übertritt.
Ludwig II. blieb ehelos. Seine Verlobung mit der Herzogin Sophie Charlotte in Bayern 1867 löste er im selben Jahr. Der Rückzug aus den Regierungsgeschäften und vom höfischen Leben, Gerüchte um sein gleichgeschlechtliches Intimleben und die enorme Schuldenlast mündeten in seiner Absetzung. Ludwig wurde in einem psychiatrischen Gutachten für geisteskrank erklärt und abgesetzt. Sein Onkel Luitpold als Prinzregent trat an seine Stelle.
Ludwig wurde in seinem Schloss Berg am Starnberger See unter Aufsicht gestellt. Bei einem Spaziergang mit dem Psychiater Bernhard von Gudden am 13. Juni 1886 kamen der König und sein Arzt im seichten Wasser ums Leben. Gudden, so die offizielle Version, sei zusammen mit Ludwig ums Leben gekommen, als er versuchte, Ludwig am Suizid zu hindern.
An dieser Version gibt es bis heute Zweifel. Für die Königstreuen ist klar: Ludwig wurde erschossen. Vieles sei damals unstimmig gewesen, sagt Jetz. Auch die „Guglmänner SM. König Ludwig II.“, eine auf die Zeit der Kreuzfahrer zurückgehende Bruderschaft, glauben an Mord. Der Geheimbund, dessen Mitglieder in schwarzen Kutten mit Wappenschild der Bayernherrscher und Kapuzen (Gugl) mit Sehschlitzen auftreten, fordert bis heute Aufklärung. Zum 125. Todestag 2011 verlangten sie „Sargöffnung subito“ – vergeblich.
Heuer warteten die Guglmänner mit einer neuen Idee auf. Sie wollten Ludwigs Konterfei meterhoch in die Kampenwand bei Aschau im Chiemgau meißeln. Vom Berg aus könne der König direkt auf sein Schloss Herrenchiemsee schauen, hieß es. Es sieht aber nicht danach aus, als hätte der Plan Aussicht auf Realisierung. SABINE DOBEL
Lichtshow in der Residenz
Zu Ehren von Ludwig II. wird in der Münchner Residenz kommende Woche eine Lichtshow präsentiert. Die multimediale Inszenierung wird von Montag bis Freitag im Kaisersaal zu sehen sein. Konzipiert wurde sie von der österreichischen Künstlerin Teresa Mar.