Corona-Rettung für Landhotels

von Redaktion

VON SUSANNE SASSE UND FREDERICK MERS

Kochel/Füssen – Wo die Bundesstraße 11 durch Kochel (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) in Richtung Kesselberg führt, liegt vor der mächtigen Kulisse des Herzogstandes direkt am Ufer des Kochelsees das Seehotel „Grauer Bär“. Parkplatz, Biergarten und Hotel sind in diesen Tagen immer gut gefüllt – kein Wunder angesichts der Kolonnen an Erholungssuchenden, die sich über den Kesselberg Richtung Walchensee stauen. Gegen den enormen Ansturm von Ausflüglern demonstrierten am Samstag Anwohner unter dem Motto „Ausbremst is“ (siehe oben).

Es sieht so aus, als würde der Trend, in der schönen Landschaft Bayerns zu urlauben, Hoteliers und Gastronomen in den ländlichen Regionen Bayerns die Existenz retten. Das Kochler Hotel „Grauer Bär“ ist voll ausgebucht. „Der Andrang ist sogar größer als in den vergangenen Sommern“, sagt Juniorchef Sebastian Sebald. Er zweifelt zwar daran, dass sich damit der Ausfall während der Hotelschließung kompensieren lässt – „die Hotelzimmer, die leer standen, können wir nicht nachträglich füllen“. Doch sehe die Zukunft für die Hotels im ländlichen Raum inzwischen rosiger aus als noch vor Kurzem.

„Wir konnten einen Teil vom verlorenen April- und Maigeschäft so wieder reinholen“, sagt auch der Vorstand der Bayerischen Zugspitzbahn, Matthias Stauch. Auf Entlassungen habe er so bisher verzichten können. „Wenn schönes Wetter ist, kommt es richtig geballt“, sagt er. Teils würden schon vormittags keine Karten mehr verkauft, weil in Corona-Zeiten höchstens 3000 Menschen auf Deutschlands höchstem Gipfel sein dürfen.

Hotels und Restaurants in ländlichen Urlaubsregionen schöpften wieder Zuversicht, sagt eine Sprecherin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands. Die Industrie- und Handelskammer Schwaben erklärt, auch im ländlichen Allgäu und der Bodenseeregion werde inzwischen „oftmals wieder das Vorkrisen-Niveau erreicht“.

Was passiert, wenn in diesen Zeiten Ausflügler fehlen, zeigt dagegen ein Blick in die bayerischen Großstädte. „Während die Restaurants und Hotels in den Urlaubsregionen Zuversicht schöpfen, ist die Lage der Betriebe in vielen Städten weiter äußerst prekär“, heißt es beim Hotel- und Gaststättenverband. „Gerade in München und Nürnberg fehlen die ausländischen Touristen und auch Veranstaltungen wie Messen und Kongresse.“ Das könnten Deutschland-Urlauber nicht ausgleichen.

„Die Übernachtungszahlen zeigen, dass sich die Stadt München kaum vom Coronaschock erholt hat“, sagt ein Sprecher der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern. Während zum Beispiel im Berchtesgadener Land die Zahl der Übernachtungsgäste im Juni 75 Prozent des Vorjahreswerts erreichte, kam die Landeshauptstadt gerade mal auf 25 Prozent. Mit der Aktion Tapetenwechsel wollen Münchner Hoteliers nun die Münchner selbst in die Hotels locken. 139 Euro kostet die Nacht in einem Luxushotel wie dem Bayerischen Hof, in einem Vier-Sterne-Hotel kostet eine Übernachtung mit Frühstück 99 Euro. Diese Aktion zeigt die Verzweiflung der städtischen Betriebe.

Eines aber eint Stadt und Land: Die Angst vor einem weiteren Lockdown. „Eine weitere Schließungsphase würde zahlreiche Betriebe an ihre Grenze und darüber hinaus bringen“, sagt Angelika Schäffer, Chefin des Tourismusverbands Franken. Auch die Gastronomie schaue mit Sorge auf den Herbst, sagt eine Sprecherin des Branchenverbands. Denn dann könnten Außenbereiche nicht mehr bewirtschaftet werden.

Wie viele Betriebe die Krise überleben, wird erst im Herbst klarer. Ende September läuft die staatliche Regelung aus, dass Unternehmen keinen Insolvenzantrag stellen müssen. „Nicht jedes Unternehmen wird es schaffen, den Ausfall des Frühjahres zu überwinden“, sagt ein Sprecher der Industrie- und Handelskammer Schwaben.

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