Immenstadt – Morgens um fünf Uhr aufstehen, Milch anrühren, füttern, dann in die Arbeit fahren, mittags zurück, wieder füttern, wieder in die Arbeit, wieder heim, wieder füttern, und gegen Mitternacht noch einmal raus und füttern: Veronika Vachenauer hat derzeit einen strikten Tagesablauf. „Es ist ein bisschen so, als ob man ein kleines Kind zu Hause hätte“, sagt die 20-Jährige. Nur sind es eben keine Kinder, sondern Kitze, zwei Stück, beides Buben, beides Waisen.
Die Mutter der Tiere wurde von einem Baum in einem Wald bei Immenstadt (Kreis Oberallgäu) erschlagen, eine kranke Esche, die wohl bei einem Windstoß umfiel. Waldarbeiter fanden das tote Tier und erkannten, dass es ein Euter hatte. Also machten sie sich auf die Suche nach den Kleinen und brachten diese in eine Tierklinik in der Nähe. Dort ist allen klar: Die Kitze, erst zwei oder drei Wochen alt, brauchen ein „richtiges“ Zuhause. In der Klinik hätten sie sich an zu viele Menschen gewöhnt, die Auswilderung wäre schwierig geworden. „Sie brauchen eine feste Bezugsperson, quasi eine Mama“, erklärt Vachenauer. Sie ist als Auszubildende an der Tierklinik tätig, und sie war es, die sich freiwillig als Kitz-Mama meldete.
Vor einigen Wochen brachte sie die beiden mit heim ins Elternhaus. Zunächst reagierten ihre Eltern ein wenig verhalten, erzählt Vachenauer. „Sie meinten erst: Schon wieder so viel Arbeit. Aber eigentlich macht es ihnen ja Spaß.“
Denn die Familie hat Erfahrung mit der Aufzucht und Pflege von Wildtieren. „Wir hatten schon einen Wildhasen, eine Gams mit gebrochenem Fuß, einen Raben, der aus dem Nest gefallen ist, und ein verwaistes Hirschkalb.“ Und nun eben zwei Kitze.
Veronikas Mutter hilft, wo Not am Mann ist, und gute Ratschläge bekommt die 20-Jährige auch von einer Kollegin, die schon einmal ein Reh aufgezogen hat. Außerdem informiert sie sich im Internet. Ansonsten ist die Familie ziemlich auf sich selbst angewiesen. Veronika Vachenauer hofft aber, dass sie noch etwas Geld von einem Tierschutzverein bekommt, schließlich brauchen die Kleinen eine spezielle Milch, die aus „Lämmermilchpulver“ angerührt wird – und zwar jede Menge.
Der Vorwitzigere der beiden kommt immer aus dem kleinen Stadl im Garten angerannt, wenn er hört, dass die Milch in die Schüssel geschüttet wird; ein Fläschchen wollten beide nicht. „Am Anfang haben sie noch viel nach ihrer Mutter geschrien, aber inzwischen haben sie sich ganz gut eingewöhnt“, erzählt Vachenauer.
Auch an Berührung haben sie sich gewöhnt: Nach der Fütterung werden die Herrschaften ausgiebig massiert. Diese Massage ist nötig, damit sie Kot und Urin absetzen, normalerweise macht das ihre Mutter per Schlecken.
Trotz der Annäherung darf Veronika Vachenauer nie das große Ziel aus den Augen verlieren: die Rückkehr in die Wildnis. Noch reicht es, dass die zwei ein bisschen im Garten herumspringen, bald aber muss Vachenauer ihre Schützlinge mit in den Wald nehmen und ihnen lehren, wie sie allein zurechtkommen: Was man als Reh so frisst und dass man vor fremden Menschen davonläuft, etwa.
In ein paar Monaten kommen die beiden dann in ein größeres Wildgehege. Und erst, wenn sie sich ganz „normal“ verhalten, werden sie in die Freiheit entlassen. Vermutlich werden sie dann etwa ein Jahr alt sein. Es ist also eine große Aufgabe, die die 20-Jährige auf sich genommen hat. Und für die es keine hundertprozentige Erfolgsgarantie gibt. „Im Moment sieht alles gut aus, sie fressen brav und nehmen zu“, berichtet sie. „Aber es kann immer was passieren“, sagt die 20-Jährige. „Leider weiß man vorher nie, ob sie es schaffen.“ Doch Veronika Vachenauer sorgt nun zumindest dafür, dass ihre Chancen so gut wie möglich sind. NINA PRAUN