Penzberg – Mit großen Fermentern hatte es Harald Schneider schon sein ganzes Berufsleben lang zu tun. Nur der Inhalt dieser Bioreaktoren hat sich verändert. Früher war er Brauer und hat sich darum gekümmert, dass das Bier gut schmeckt. Heute ist er für Fermenter zuständig, deren Inhalt Leben retten könnte. Er ist vor 14 Jahren zur Roche Diagnostics GmbH nach Penzberg (Kreis Weilheim-Schongau) gewechselt. Das war, nachdem sein Vater mit nur 54 Jahren nach einer schweren Leidenszeit an Krebs gestorben war. Das löste bei Schneider etwas aus. „Es treibt mich bis heute an“, sagt er. Bier mache gesellig und berauscht. „Ich wollte lieber etwas herstellen, das Menschenleben retten kann.“
Er kannte andere Brauer, die bereits zu Roche gewechselt waren – und stellte sich in dem Unternehmen vor. „Es gab erstaunlich viel Parallelen zur Arbeit im Sudhaus“, berichtet er. Statt Malzschrot und Hefe gärten in den großen Behältern Nährlösungen, aus denen Antikörper und später Medikamente werden. Viele Prozesse sind ähnlich, erklärt der 51-jährige Benediktbeurer. Erstaunlich schnell fand er sich in seiner neuen Arbeitswelt zurecht. „Ein Jahr lang hatte ich einen Mentor an meiner Seite“, sagt er. Schon nach kurzer Zeit wurde er stellvertretender Schichtführer, dann Schichtführer in der Personalführung, später leitete er Großprojekte. „Hier sind Allrounder gefragt“, sagt er. Genau das reizt ihn.
Natürlich gibt es auch viele Unterschiede zu seinem früheren Beruf. „Die Arbeit im Sudhaus ist körperlich anstrengend“, sagt er. Er trug Schürze und Gummistiefel, schleppte schwere Malzbehälter. Heute trägt er einen Schutzanzug, eine Kopfhaube und einen Mundschutz bei der Arbeit – und entnimmt kleine Proben aus den Fermentern, um sie auf ihre biochemischen Werte kontrollieren zu lassen. Beim Bierbrauen ist Kreativität und Bauchgefühl gefragt, um eine gute Geschmacksmischung herzustellen. Bei seinem jetzigen Job ist Genauigkeit das Wichtigste. „Man muss den ganzen Tag hoch konzentriert sein“, sagt er. Nicht nur in der Produktionsstraße, sondern auch an seinem Computer, von dem aus er die Prozesse überwacht. „In jedem Fermenter befinden sich ungefähr 16 000 Liter Flüssigkeit. Wenn eine Infektion da rein gelangt, muss alles entsorgt werden“, sagt er. Damit wäre viel Geld verbrannt – und der Produktionsprozess müsste wieder von vorne beginnen.
Harald Schneider ist nicht der einzige Quereinsteiger, der in den vergangenen Jahren zu Roche gewechselt ist. Seit Ende vergangenen Jahres sucht Roche für die Pharmaproduktion 130 neue Mitarbeiter. Und gezielt auch nach Menschen, die aus anderen Branchen kommen, erklärt Sprecher Johannes Ritter. „Diversität ist uns sehr wichtig – nicht nur bei Alter, Gender und Nationalität“, betont er. Insgesamt arbeiten auf dem 43 000 Quadratmeter großen Standort in Penzberg 6400 Mitarbeiter aus 63 Ländern. Und in der Pharmaproduktion sind es viele Quereinsteiger: ehemalige Metzger, Fliesenleger, Chemietechniker, Trockenbauer, berichtet Schneider. „Die Auffassungsgabe ist entscheidend“, sagt er. Als Brauer weiß er, wovon er spricht. „Man geht anders an Aufgaben heran.“ Wenn er zum Beispiel nicht weiß, welche Funktion eine Leitung hat, läuft er sie einfach entlang. „So was lernt man in der Brauer-Ausbildung.“
Das Brauen hat er nicht komplett aufgegeben, erzählt er. Aus dem Beruf ist ein Hobby geworden. Gemeinsam mit einem Elektriker, der bei Roche Schichtführer ist, führt er nebenher eine kleine Brauerei. Denn manchmal macht es eben auch einfach Spaß, mal wieder mit Fermentern zu tun zu haben, in denen das Bier reift.