Der lange Schatten des Flüchtlingssommers

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

Wegscheid/Tutzing – Lothar Venus steht auf einer Wiese, nur wenige Meter von der Grenze zu Österreich entfernt. Um ihn herum kauern 3500 Menschen, Kinder wimmern vor Kälte. Es sind zu viele Menschen, um sie auf die Notunterkünfte in Wegscheid im Landkreis Passau zu verteilen. Denn auch die sind voll. Seit Tagen schicken die Österreicher einen Reisebus nach dem anderen zur Grenze. In jedem „ein 50er-Paket“ – so nennt Venus die Menschengruppen. Der Ton ist Absicht. Die Menschen, die seit Tagen in der niederbayerischen Gemeinde stranden, werden nicht wie Menschen behandelt.

Venus will nichts mehr schönreden. Es ist die erste Nacht, in der es Minustemperaturen geben soll – und der Moment, in dem er aufhört, zu funktionieren. „Ich habe mir das erstbeste Mikrofon gegriffen und die ganze Wut rausgelassen“, sagt er heute, fünf Jahre später.

Es ist eine Wut auf Europa, auf Österreich, auf die Politik – auf alle, die die Grenzgemeinden mit dem Flüchtlingsproblem allein lassen. Venus ist Kreisbrandrat von Wegscheid und seit Wochen im Dauereinsatz an der Grenze. Er hat Szenen gesehen, die er sein Leben lang nicht mehr vergessen wird. Riesige Menschengruppen, die aus Österreich mit Landkarten Richtung Deutschland geschickt wurden. Polizeiabsperrungen an der Grenze, die tausende Geflüchtete zurückhalten sollten. Eine nicht endende Karawane von Reisebussen, die frierende und entkräftete Menschen in Wegscheid abladen. Er ist zweifacher Vater – das Wimmern der Kinder kann er nicht ausblenden, während er die Situation vor Ort koordiniert. „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis hier ein Kind erfriert“, schimpft Venus in die Mikros der Reporter, die über die Lage im Grenzgebiet berichten. Die Emotionen, die er bis zu diesem Moment so gut unter Kontrolle hatte, lassen sich nicht mehr wegdrücken. Aus der Wut werden Interviews. Danach ruft Venus den damaligen Landrat Franz Meyer an und sagt: „Franz, ich hab Mist gebaut.“

In diesem Herbst 2015 ist Lothar Venus bekannter geworden, als er es je sein wollte. Die Interviewanfragen kommen von Zeitungen, Fernsehsendern, abends wird er in der Tagesschau zugeschaltet, Frank Plasberg lädt ihn in seine Sendung „Hart aber fair“ ein. „Ich hatte damals keine Zeit, darüber nachzudenken“, sagt er heute. Durch den Medienrummel wurden die Busse weniger, die Österreicher halfen plötzlich bei der Versorgung der Menschen. Und dann, Anfang Dezember, kam plötzlich niemand mehr – von einem Tag auf den anderen. „Das war, kurz nachdem Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán die Grenze dichtgemacht hatte“, sagt Venus. „Es war wie ein Gewitter, das plötzlich gekommen ist und auf einmal vorbei war.“

Schon ein paar Wochen später hat auf der Wiese nahe der Grenze nichts mehr daran erinnert, dass tausende Menschen auf ihrer Flucht hier gestrandet sind. Auch heute leben in Wegscheid kaum Flüchtlinge, sie sind alle weiterverteilt worden, sagt Venus. Er ist seit vier Monaten Bürgermeister – und kann sich noch immer in Rage reden, wenn er von damals erzählt. München habe sich im September 2015 als Weltstadt mit Herz präsentiert, sagt er. Bis das Oktoberfest begann. „Dann sind die Menschen zu uns in den Bayrischen Wald geschoben worden, weil die Politik dachte, das kriegt hier keiner mit.“

Der 45-Jährige beobachtet die Nachrichten aus den Flüchtlingslagern in Griechenland oder Libyen mit großer Sorge. „Geschafft ist noch gar nichts“, betont er. „Es wird kleingeredet und jetzt von den Corona-Nachrichten verdrängt.“ Noch immer fehlten eine internationale Lösung und eine Strategie, um die Menschen gerecht auf alle EU-Länder zu verteilen. „Theoretisch“, sagt Venus, „könnte sich die Situation von damals jederzeit wiederholen.“

Auch Claudia Steinke sagt: „Geschafft ist noch nichts. Wir sind noch mittendrin.“ Die 51-Jährige lebt in Tutzing im Kreis Starnberg. Sie war im September 2015 im Urlaub, als sie in den Nachrichten die Bilder vom Münchner Hauptbahnhof sah. Als sie nach Hause kam, nahm sie sofort Kontakt mit dem Asylhelferkreis in Tutzing auf. Dort baute die Gemeinde auf dem Volksfestplatz eine kleine Zeltstadt auf. Binnen weniger Tage waren alle Zelte voll belegt mit rund 220 Geflüchteten. Steinke betreute ein Zelt, in dem alleinstehende Männer untergebracht waren. „Es gab damals noch keine Strukturen, wir alle mussten erst in diese neue Aufgabe hineinwachsen“, sagt sie heute. Aber das Engagement war groß. Bei den monatlichen Treffen kamen bis zu 80 Ehrenamtliche zusammen. Sie organisierten Deutsch-Unterricht für die Menschen, halfen bei Behördengängen oder Arztbesuchen, sie waren Ansprechpartner für alle Probleme.

Es war keine einfache Zeit, sagt Steinke heute. „Aber eine Zeit, in der ich viel gelernt habe.“ Damit meint sie nicht nur Asylpolitisches. „Kulturell war das eine Horizonterweiterung“, sagt sie. Schnell lernte sie, für jeden Besuch im Zelt viel Zeit einzuplanen – weil sie von den Geflüchteten immer zum Tee eingeladen wurde. Die Dankbarkeit war unterschiedlich groß, erzählt sie. „Aber unsere Hilfe war für keinen der Menschen selbstverständlich.“

Claudia Steinke ist heute Koordinatorin des ökumenischen Unterstützerkreises in Tutzing. Er ist mittlerweile deutlich geschrumpft, sagt sie. Weil es auch viele frustrierende Momente in den vergangenen fünf Jahren gab. Manchmal, weil Asylsuchende Chancen nicht wahrgenommen haben. Häufiger allerdings, weil sie sie nicht wahrnehmen durften, betont sie. Besonders die Arbeitsverbote hätten vielen die Perspektive genommen – und den Ehrgeiz. „Wir hätten viel mehr schaffen können – wenn es erlaubt gewesen wäre“, betont Steinke.

Viele Menschen, die 2015 nach Bayern kamen, seien inzwischen abgetaucht oder leben auf der Straße in anderen EU-Ländern, weil sie in Deutschland keine Chance auf Arbeit bekommen haben, berichtet Steinke. Das frustriert sie am meisten. „Wir haben da eine große Chance vertan – das wäre echte Entwicklungshilfe und Wertevermittlung gewesen, wenn die Menschen, die zurückkehren müssen, mit einer Ausbildung zurück in ihre Heimatländer kommen.“

Aber dann gibt es auch die anderen Beispiele. Einer der Männer aus dem Zelt damals ist ihr vor Kurzem wieder in Tutzing begegnet. Er hat ihr in gutem Deutsch erzählt, dass er gerade seine Gesellenprüfung bestanden hat. Das war einer der Momente, in denen Claudia Steinke genau wusste, wofür sie sich seit fünf Jahren engagiert.

Auch das hat sie mit Lothar Venus gemeinsam: einen veränderten Blick auf die Welt – und auf die Chancen, die es in Deutschland gibt. „Ich habe an einem dieser Tage im Herbst 2015 meine Töchter mit auf diese Wiese genommen“, erzählt Venus. Er wollte, dass sie sehen, was ihm damals jeden Tag aufs Neue bewusst geworden ist. „Wir jammern so oft über Kleinigkeiten“, sagt er. „Wenn man dann sieht, was andere Menschen aus Angst oder Not auf sich nehmen, denkt man plötzlich anders über das Leben nach.“

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