München – Nicht jeder ist zufrieden über den Umgang mit der Corona-Krise. Aber längst nicht jeder Kritiker ist Verschwörungstheoretiker. Das gilt auch für unseren Leser Christof Wombacher, Elektroingenieur aus Amberg. Wir lassen ihn hier zu Wort kommen – stellvertretend für andere.
Am Freitag hat das Berliner Verwaltungsgericht das Verbot von Demos gegen die Corona-Politik gekippt. Was sagen Sie dazu?
Ich habe das Verbot der Demo nicht für richtig gehalten. Unsere Demokratie muss das aushalten. Leider werden Hygiene-Demos vielfach von Rechten „unterwandert“ – Menschen, die vor Jahren zur Pegida-Demo gingen, gehen jetzt zur Corona-Demo. Aber: Dürfen bei uns Rechte nicht mehr demonstrieren? Ich dachte, dies wäre nur verboten, wenn Gewalt droht, wenn durch Demonstranten Menschenrechte verletzt oder andere Gruppen massiv beleidigt werden. Ich glaube nicht, dass dies bei der Corona-Demo in Berlin in ausreichendem Maße zu befürchten ist. Und: Neben „Verschwörungstheoretikern“ und „Aluhut“-Trägern sind sicher auch viele Menschen anwesend, die wie ich denken.
Nämlich?
Menschen, die einfach nur kundtun wollen, dass sie mit der Politik in dieser Krise nicht mehr einverstanden sind. Übrigens: Der angeführte Hauptgrund für das Verbot, nämlich dass Hygieneregeln nicht beachtet würden, greift meines Erachtens nicht. Neulich erst wurden Gesundheitsbehörden, unter anderem in Stuttgart, befragt, ob sich bisherige Hygiene-Demos im örtlichen Infektionsgeschehen niedergeschlagen haben. Dies war nicht der Fall.
Allgemein: Finden Sie, die Politik geht mit der Krise weitgehend richtig um?
Man fokussiert sich derzeit zu sehr auf die Zahl der positiv Getesteten. Betrachtet man die Zahl der Menschen auf Intensivstationen und die der Sterbefälle, kann man aktuell keine zweite Welle beobachten. Insofern sehe ich Beschlüsse, jetzt wieder die Zahl der privat Feiernden zu begrenzen, als nicht sinnvoll an. Es gibt leider keine – wählbaren – Oppositionsparteien, die die Regierung mit kritischen Sichten konfrontieren oder Entscheidungen infrage stellen. Dabei gibt es diese anderen Meinungen – auch von namhaften Wissenschaftlern.
Zum Beispiel?
Wieso stellt sich etwa Christian Lindner von der FDP nicht in den Bundestag – und erwähnt das jüngste Interview von Prof. Hendrik Streeck? (Anm. der Red.: Der Virologe hat erklärt, es sei derzeit wichtiger, auf die Lage in den Kliniken zu achten als auf die Infektionszahlen.) Die aktuellen Zahlen geben meines Erachtens eher Hoffnung, von der Politik wird aber permanent Angst geschürt. Das neue Coronavirus ist das schlimmste Virus seit der Spanischen Grippe: Ja, das glaube ich auch. Aber stimmen die Relationen und sind anhaltende, massive Eingriffe der Politik gerechtfertigt, wenn in der Grippesaison 2018 in Deutschland 25 000 Menschen gestorben sind? Und es gab mehrere Jahre zuvor zusätzlich mehrmals 15 000 bis 20 000 Influenza-Sterbefälle pro Jahr (Zahlen: Robert-Koch-Institut).
Gegen Sars-CoV-2 gibt es noch keine Impfung …
Ich kenne diese Argumente. Aber: Auch bei der Influenza sagt mir mein Hausarzt immer: „Okay, das dauert zwei Wochen….“ – und jedes Jahr kam ein neuer Impfstoff, der immer mal wieder „danebengriff“ oder nicht für das tatsächlich auftretende Virus geeignet war. Bei Corona gibt es sehr massive Krankheitsverläufe und man befürchtet Langzeitschäden. Das gab es bei Influenza aber auch. Zugegeben, sicher nicht in dem Maße. Was ich mich aber frage: Stimmen die Relationen? Wir haben ein hervorragendes Gesundheitssystem, das sich mittlerweile auch besser auf das Virus eingestellt hat.
Läuft auch etwas gut?
Grundsätzlich sind alle relevanten Zahlen im Internet verfügbar. Dass Großveranstaltungen – auch Fußballspiele in vollbesetzten Stadien –noch verboten bleiben, halte ich für gerechtfertigt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Spiele in einem 40 000-Personen-Stadion mit maximal 5000 Zuschauern wieder ermöglicht werden – im Freien, mit Alkoholverbot und Abstandsregeln. Auch dagegen, dass der Föderalismus dazu führt, dass in den einzelnen Ländern mit unterschiedlichem Infektionsgeschehen unterschiedliche Regeln gelten, habe ich keine Bedenken.
Wie sehen Sie die Rolle der Medien in der Krise?
Wenn ich schlecht gelaunt bin, sehe ich das Verhalten der Medien in der Krise als die eigentliche Katastrophe. Ich hatte mir im März und April öfter kritische Blätter gekauft – weil ich nicht glauben konnte, dass das, was ich täglich gehört habe, die „ganze Wahrheit“ ist. Im Spiegel war ein Artikel über den Pathologen Püschel aus Hamburg („Es sind dort nur sehr alte, und/oder sehr kranke Menschen an Corona gestorben“), und in der Amberger Zeitung ein Artikel eines Lesers, der Sympathien für das Vorgehen in Schweden kundtat. Aber viel mehr gab es nicht.
Wo wurden Sie fündig?
Im Internet gibt es viele kritische Quellen. Nur: Wenn ich diese in Mails an Zeitungen und TV-Sender schickte, wurde das oft ignoriert. Positiv erwähne ich, dass der Merkur meine Anfrage zur „Antikörperstudie München“ nicht ignoriert hat. Oft wurde ich aber schnell ins rechte Lager bzw. das der „Aluhut-Träger“ eingeordnet. Denke ich an viele Nachrichten-Sendungen – mein Gott, wie einseitig und deprimierend! Zu Schweden wurde nur erwähnt, dass es mehr Sterbefälle gab, jedoch nicht, dass sich vielleicht in der Gesellschaft, vor allem bei Kindern, weniger Ängste, Störungen und Verzweiflung eingestellt haben. ae