Geretsried – Eigentlich sollte es für die vier Freunde Orsolya Miltz (11), Chiara Georgy (13), Adan Handal (15) und Alexander Eigenseer (13) ein gemütlicher Abend werden: Nach einem Mc-Donald’s-Besuch in Wolfratshausen fuhren sie mit dem Bus nach Geretsried. „Da haben wir aber schon gemerkt: Irgendwas stimmt nicht“, berichtet Alexander.
Alles fing damit an, dass ein 45-jähriger Fahrgast höflich einen 48-jährigen Kroaten bat, seine Maske aufzusetzen. „Darüber hat sich der Mann richtig geärgert. Er schimpfte, was das mit dem Masketragen überhaupt soll“, schildert der 13-Jährige.
Zufällig stiegen die Teenager wenig später an derselben Haltestelle aus wie die beiden erwachsenen Fahrgäste. Dort spitzte sich die Lage zu. „Wir sahen, wie der Kroate den anderen Mann angriff und ihm eine Ohrfeige verpasste“, erinnert sich Orsolya. Über seiner Schulter trug der Bengale eine blaue Ikea-Tasche. „Die wollte ihm der Kroate aus der Hand reißen. Er hat behauptet, darin seien Drogen versteckt“, erzählt Adan. Es ging hin und her, die beiden Streithähne schubsten sich gegenseitig auf die Straße.
„Alexander und ich sind sofort dazwischengegangen und haben versucht, die Männer auf Abstand zu halten“, sagt der 15-Jährige. Der Angreifer packte ihn am Arm, wollte ihn wegschubsen. Doch davon ließen sich die Teenager nicht abhalten. Durch ihr beherztes Eingreifen schafften sie es schließlich, die rangelnden Männer auseinander zu bringen.
Während des Zwischenfalls fuhren einige Autos an der Haltestelle vorbei. Doch keines hielt an, um den Jugendlichen zu helfen. „Das hat einfach keinen interessiert. Irgendwann bin ich auf die Straße und habe ein Auto angehalten“, erzählt Chiara. Sie bat die Frau, die Polizei zu verständigen.
Dass die engagierten Schüler womöglich selbst in Gefahr schwebten, daran verschwendeten sie in der brenzligen Situation keinen Gedanken. „Wir wollten einfach nur helfen“, sagt Chiara. Alexander behielt den aggressiven Angreifer im Auge. „Ich war in Stellung, falls er auf mich losgehen würde. Ich habe sechs Jahre lang Ju-Jutso gemacht – da hätte ich mich schon wehren können.“
Als die Polizei eintraf, beruhigte sich die Situation. Den Kroaten erwarten nun mehrere Anzeigen, unter anderem wegen Verleumdung und des Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz. Der Bengale erlitt leichte Blessuren. „Er war sehr dankbar“, berichtet Orsolya. „Aber er tat mir richtig leid.“ Als die vier Freunde anschließend mit dem Bus an ihm vorbeifuhren, stand der Mann geknickt an der Haltestelle – und hatte Tränen in den Augen.
Abgesehen von der einen oder anderen Beleidigung und ein paar Schubsern kamen die Jugendlichen unversehrt davon. Doch der Vorfall stimmt sie alle nachdenklich. „Als ich danach alles realisieren konnte, war ich irgendwie schockiert“, gesteht Alexander. „Dass wir als Jugendliche bei Erwachsenen eingreifen müssen, während alle anderen einfach vorbeifahren, das finde ich schon sehr traurig und bedenklich.“