Ein Münchner Engel im Elendsviertel

von Redaktion

VON ANDREAS FINK

Der Himmel über „La California“ hat Rostlöcher. Nachdem die einstige Autoscheibenfabrik vor 25 Jahren bankrottgegangen war, hatten hunderte Menschen die Fertigungshalle besetzt und ein ganzes barrio unter das Blechdach gebaut. Aneinander, nebeneinander, übereinander leben nun, in Mikro-Wohnzellen, Männer, Frauen und Kinder, Kinder, Kinder.

„Wie viele seid Ihr hier?“, fragte Carina Vetye kürzlich einen Bewohner vor einem der dunklen Gänge. „Keine Ahnung“, antwortete der Mann, „wir sind hier 100 Familien. Oder 150.“ Aber Vetye müsste es genauer wissen. Denn sie soll Daten sammeln. Über Fieberkranke, über leicht Verkühlte, über unauffällige Angehörige. Daten über Covid-19. Seit Mitte Juni schwärmen die Mitarbeiter des Gesundheitszentrums Nr. 16 in der Industrie-Vorstadt San Martín aus, in Gruppen und Infektionsschutzmontur.

„Plan Detectar“ heißt das Programm, mit dem Argentinien die Ausbreitung des Virus nachzeichnen und unterbrechen will. Es soll Verdächtige testen sowie Kranke und Kontaktpersonen isolieren. Aber wer kann in diesem Wirrwarr aus Ziegeln, Zement, Wellblech, Wäscheleinen, Wasserleitungen, Kabeln, Wendeltreppen und Gemeinschaftstoiletten Kontaktprofile und Ansteckungsketten erfassen? Und wer soll gewährleisten, dass Infizierte wirklich hinter den Türen ihrer Behausung bleiben, wo oft noch fünf bis zehn Verwandte leben? Die Argentinier haben einen plastischen Ausdruck für Stressjobs mit beschränkter Hoffnung: Remar en cemento. Rudern im Zement.

Eine Sisyphos-Aufgabe hat sie sich geschaffen. Das wusste Vetye, als sie vor zwölf Jahren beschloss, die Apotheke im Gesundheitszentrum Nummer 16 aufzubauen, in einem Elendsquartier, nicht weit vom Hallenslum La California. San Martín, das sich 1988 noch den Beinamen „Hauptstadt der Industrie“ zugelegt hatte, erlebte in den letzten drei Jahrzehnten einen Verfall in Schüben. Allein im letzten Jahrzehnt zerrütteten vier Rezessionen Argentinien. Mit jeder Talfahrt leerten sich San Martíns Fabrikhallen von Maschinen und füllten sich mit obdachlos gewordenen Menschen. 500 000 Einwohner hat San Martín heute. Und mehr als 100 Elendsviertel.

„Armut macht krank und Krankheit macht arm“, sagt Carina Vetye, in deren Personalausweis eine Wohnadresse in München-Laim eingetragen ist. Die Pharmazeutin mit Doktortitel hatte eine hochqualifizierte und gut bezahlte Arbeitsstelle in der Arzneimittelzulassung. Davor arbeitete sie länger in einer Herrschinger Apotheke mit.

„Dort hatte ich Kontakt zu Patienten, ebenso zu den Projekten der ,Apotheker ohne Grenzen‘“, sagt sie. „Ich verstehe mich als eine Apothekerin, die auch aus der Apotheke rausgeht, die mit den Menschen arbeiten will, überall.“ Im Jahr 2000 schloss sie sich der Hilfsorganisation an, deren Geschäftsstelle in Moosach liegt, und ging von der ehrenamtlichen Arbeit in die hauptamtliche Projektleitung über. „Weil ich der Meinung war – und noch bin –, dass ich helfen kann. Denn pharmazeutisches Wissen und die richtigen Medikamente fehlen fast überall. Gerade in Orten wie San Martín.“

Dort ist sie „La Alemana“. Das liegt an ihrer physischen Erscheinung – 182 Zentimeter groß und dunkelblondes Haar. Aber auch an ihrer Organisationskraft. Im Gesundheitszentrum der Vorstadt von Buenos Aires teilt sie nicht nur die Arzneien zu, die sie selbst mit eingesammelten Spendengeldern en gros bei den Pharmakonzernen kauft. Sie ist auch für die Verteilung von staatlich zugeteilten Arzneien für die 30 000 Einwohner des Einzugsgebietes zuständig. Damit die kostbaren Heilmittel nicht wie früher so oft ungenutzt verfallen, weil niemand die Kenntnisse hat, um sie richtig einzusetzen.

Carina Vetyes Patienten nennen sie „den Engel aus Deutschland“. Denn allein dank der kostenlos abgegebenen Herztabletten, Blutdrucksenker und Insulinspritzen können viele Bewohner ohne Furcht vor Infarkten und Amputationen jene Gelegenheitsjobs ausfüllen, mit denen sie sich durch ihr Dasein retten.

Beziehungsweise retteten, bis Präsident Alberto Fernández ab 20. März einen nationalen Lockdown verhängte, der bis heute den Gelegenheitsarbeitern aus den armen barrios den Weg in die Hauptstadt verstellt. Argentinien leistet sich die längste Lahmlegung der Welt. Schon 190 Tage sind Inlandsverkehr gekappt, Außengrenzen geschlossen, Tourismus, Gastgewerbe, Kultur abgeschaltet.

Anfangs war das erfolgreich. Doch nun ist klar: Weil viel zu wenig getestet wurde, konnte die Katastrophe nicht verhindert, sondern lediglich hinausgezögert werden. Nun breitet sich das Virus auch im Landesinneren aus. Inzwischen müssen die Behörden Tag für Tag mehr als 10 000 Neuerkrankungen registrieren, damit liegt das Land auf Rang fünf des weltweiten Infektions-Rankings.

Die mehr als 1000 Slums rund um die Hauptstadt erfasste die Ansteckungswelle mit den ersten kalten Nächten im Mai. „Seither ging das Virus hier durch, das haben wir erwartet, denn in dieser Überfüllung funktioniert kein social distancing“, sagt Vetye. Bis heute ergibt jeder zweite Test ein positives Ergebnis, der Keim kreist ungebremst.

Noch ist Argentiniens Sterberate mit 30 Toten auf 100 000 Einwohner wesentlich niedriger als jene der Nachbarländer, weil das Gesundheitssystem gerade noch hält. Aber das steht nun auf der Kippe, denn im weiten Landesinneren des achtgrößten Flächenstaates ist das Versorgungsnetz weniger dicht als in der Hauptstadt. Und die beinah bankrotte Regierung muss den Lockdown ausgerechnet jetzt lockern. Denn sie kann ihn nicht weiter mit der Notenpresse finanzieren.

Das Gesundheitszentrum, ein Flachbau mit bunt bemalter Fassade, ist seit Monaten am Wanken. Die Arbeit multiplizierte sich. Zu den zahlreichen chronisch Kranken kamen nun auch die akut Infizierten. Aber das Personal fehlt. Ein Fünftel der Krankenschwestern, Ärztinnen und Putzkräfte steckte sich mit dem Virus an und musste wochenlang daheimbleiben. Dazu fehlen alle Ehrenamtlichen über 65. Für Vetye, die in all den Jahren auf sechs pensionierte Apothekerinnen zählen konnte, bedeutete das, dass ihr Tagwerk von neun auf drei Schultern verteilt werden musste. „Das wird hart, sehr hart“, befürchtete sie bereits im April.

Es wurde noch härter. Immerhin: Die drei in der Apotheke sind bislang gesund geblieben, wohl auch, weil „La Alemana“ ihren Kolleginnen striktes Achtgeben vorgeschrieben hat: Abstand, keine Mahlzeiten mit Kollegen, kein Weiterreichen des Mate-Tees und Vollschutz – Mund-Nasenmaske plus Klappvisier.

Vetye selbst muss doppelt aufpassen: Auf sich und vor allem auf ihre Mutter, hoch in den Achtzigern, die seit ihrer Kindheit in San Martín lebt. Vetyes Großvater, auch er ein Apotheker, war 1945 in einem serbischen Internierungslager gestorben. Und ihr Vater, als 14-jähriger Bursche gefangen genommen und gefoltert, floh 1945 unter Lebensgefahr aus dem Lager. In einer dreijährigen Odyssee aus dem Banat quer durch Europa konnte er sich schließlich bis nach San Martín durchschlagen, wohin die Großmutter schon 1936 ausgewandert war, in eine rasch anschwellende Gemeinde bedrängter Deutscher von der Wolga, der Donau, der Theiß.

In dieser Gemeinschaft wurde Vetye groß, machte ihren Abschluss 1982 in einer der zwei deutschen Schulen, studierte und promovierte danach an der Uni von Buenos Aires. 1988, kurz vor der Hyperinflation, packte sie zwei Koffer und eine Geige und zog aus in die neue, alte Heimat, die jedoch weder Diplom noch Doktortitel anerkennen wollte. Sie musste das zweite und dritte Staatsexamen noch mal machen.

Ihre Verbindung nach San Martín riss in 32 Münchner Jahren nie ab. Immer wieder flog sie zu ihren Eltern. Und sah ihre Heimatgemeinde weiter verfallen. Jede wirtschaftliche Talfahrt brachte mehr Arme, mehr Kriminalität, mehr Drogen hervor, keine fünf Kilometer von bürgerlichen Hauptstadtvierteln entfernt. Und stets, wenn sie mitbekam, mit welcher Nonchalance das bürgerliche Argentinien jenseits des Autobahnrings wegsieht, kam ihr ein Satz in den Sinn, den ihr Vater stets wiederholte, wenn er über sein Verhängnis in dem Internierungslager sprach: „So etwas darf man doch nicht zulassen!“

Das ist Carina Vetyes Leitspruch. Und ihr Bestreben ist es, San Martín etwas von jener Großherzigkeit zurückzugeben, mit der Argentinien einst all die verzweifelten Deutschen aus dem Osten aufnahm. „Ich leiste meinen Beitrag zu etwas weniger Ungerechtigkeit, etwas weniger Leid, etwas weniger Armut, etwas weniger Krankheit“, sagt sie. „Es ist ein großes Glück, für etwas arbeiten zu dürfen, an das man glaubt.“

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